Eiche gefällt, neues Inventar fällig

Die über hundert Jahre alte Eiche auf dem Grundstück Kräzernstrasse 98 in Winkeln steht nicht mehr. Dort soll ein Mehrfamilienhaus gebaut werden. Die Fällung ärgert den WWF. Doch das Vorgehen des Eigentümers war korrekt.

Fredi Kurth
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Die Prophezeiung der Cree-Indianer haben Unbekannte vor dem Strunk der gefällten Eiche an der Kräzernstrasse 98 an den Zaun gehängt. (Bild: pd)

Die Prophezeiung der Cree-Indianer haben Unbekannte vor dem Strunk der gefällten Eiche an der Kräzernstrasse 98 an den Zaun gehängt. (Bild: pd)

Am Rand des Grundstücks mit der Nummer W3135 beim Restaurant Scheidweg stand eine mächtige Eiche. Doch vor ein paar Wochen ist sie gefällt worden. Dies, nachdem der Eigentümer die Baubewilligung für ein Mehrfamilienhaus erhalten hatte. Der WWF St. Gallen hatte keine Handhabe, den Vorgang zu verhindern, obwohl es sich nach Auffassung von Geschäftsführer Martin Zimmermann um eine der drei schönsten Eichen dieser in der Stadt seltenen Baumart handelte.

Baum war nicht geschützt

«Wir sind überrascht, wie schnell alles gegangen ist. Den Anwohnern ist die Fällung nicht einmal angezeigt worden», sagt Zimmermann. Das war aber auch nicht erforderlich, weil der Baum nicht in einem Baumschutzgebiet liegt und auch sonst nicht unter Schutz gestellt war. Damit war für das Fällen gar keine Bewilligung nötig. Der Grundeigentümer konnte in diesem Fall mit dem Baum tun und lassen, was er wollte.

Er hatte jedoch in einer Vorprüfung abklären lassen, ob für die Überbauung der Baum tatsächlich umgelegt werden dürfe. Die Baubewilligungskommission der Stadt kam zum Schluss, dass im Interesse eines guten Bauprojektes diese Frage bejaht werden könne. Der Grundeigentümer entschied daraufhin, den Baum zu fällen. Da dafür keine Bewilligung nötig war, konnte kein Anwohner dagegen Einsprache erheben. Der WWF konnte es nach der Abschaffung des kantonalen Verbandsbeschwerderechts ohnehin nicht.

«Noch offen ist, ob wir nun beim Kanton aufsichtsrechtliche Schritte unternehmen und prüfen lassen, ob auf Stadtebene alles mit rechten Dingen zugegangen sei», sagt Martin Zimmermann. Zudem will der WWF prüfen, was vorzukehren ist, damit grosse Biotop-Bäume erhalten bleiben.

Nicht verbindlich

Es gibt zahlreiche Bäume in der Stadt, die in einer Verordnung oder einem Überbauungsplan formell unter Schutz gestellt wurden und im Rahmen einer Überbauung nicht oder nur im Rahmen einer neuen Beurteilung gefällt werden dürfen. Rechtlich nicht verbindlich ist hingegen ein grosses «Inventar der Naturobjekte» aus dem Jahr 1986 mit über tausend Bäumen. «Ob ein Baum aus diesem Inventar tatsächlich zu schützen ist, ist jeweils in einer Interessenabwägung vor allem bei konkreten Bauprojekten zu entscheiden. Gegen eine Unterschutzstellung hat dann aber auch der Eigentümer das Einspracherecht», sagt Fredi Kömme, Bausekretär der Stadt.

Revisionsauftrag im Richtplan

Der Graben zwischen der Naturschutzorganisation und der Stadt scheint allerdings nicht unüberbrückbar zu sein. Martin Zimmermann gesteht, dass ihm der gefällte Baum persönlich am Herzen gelegen habe, aber auch, dass es ihm ums Prinzip geht, dass nicht gesunde, erhaltenswerte Bäume einfach so verschwinden.

Kömme seinerseits sagt: «Es ist klar, dass das veraltete, nicht mehr aktuelle Inventar der Naturobjekte überarbeitet werden muss. Dieser Auftrag ist im Richtplan enthalten.» Es werde auch um eine Straffung und eine Konzentration auf die wirklich wichtigen Bäume, Biotope und so weiter gehen. « Auch künftig werden aber heikle Entscheidungen zwischen Baumschutz und Bauen nicht ausbleiben.»