EHRENAMT: Frauen schenken Kindern Zeit

Seit 20 Jahren betreuen Freiwillige des Idem-Dienstes Patienten im Kinderspital. Mit ihrem Engagement machen sie nicht nur Kindern Freude, sondern entlasten auch die Eltern und das Pflegepersonal.

Adrian Lemmenmeier
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Im Spielzimmer des Kinderspitals: Vreni Huser, Barbara Peter und Anna Dörig (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Im Spielzimmer des Kinderspitals: Vreni Huser, Barbara Peter und Anna Dörig (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Adrian Lemmenmeier

adrian.lemmenmeier@tagblatt.ch

«Unsere Freiwilligen geben den Kindern das, was ihnen Ärzte und Pflegepersonal nicht immer geben können: Zeit», sagt Sabrina Peterer, Leiterin des Idem-Dienstes im Ostschweizer Kinderspital. Idem steht abgekürzt für «Im Dienste eines Mitmenschen», ein Freiwilligendienst, den jedes der vier Spitäler in der Stadt unterhält.

Im Kinderspital, wo der Idem-Dienst dieses Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiern konnte, wird die geschenkte Zeit meist spielerisch verbracht. «Oft spiele ich mit den Kindern Uno oder lese eine Geschichte vor», sagt Vreni Huser. Die 67-Jährige ist seit September bei Idem im Kinderspital aktiv. Jeden Donnerstag kommt sie für zwei bis drei Stunden ins Spital und macht mit den Patienten das, worauf diese gerade Lust haben. Husers Kollegin, Anna Dörig, ist bereits seit 18 Jahren dabei. «Noch immer blühe ich jedes Mal von ­neuem auf, wenn ich mit den Kindern spiele», sagt die 80-Jährige.

Positive Momente überwiegen

Aber ist die Arbeit mit kranken Kindern nicht auch belastend? «Doch», sagt Anna Dörig. Sie habe schon erlebt, dass ein Kind gestorben ist, das sie zuvor betreut hatte. «Die positiven Momente sind aber viel häufiger», so Dörig. Das liegt auch daran, dass die Freiwilligen nur so weit in die Krankheitsgeschichte der Patienten eingeweiht werden, wie es für die Betreuung nötig ist. «So können wir verhindern, dass die Leute voreingenommen an die Arbeit gehen», sagt Idem-Leiterin Peterer. Das Kind stehe im Zentrum, nicht die Krankheit.

Derzeit arbeiten am Kinderspital 56 Leute freiwillig im Dienste eines Mitmenschen: 55 Frauen und ein Mann. «Ich nehme an, dass sich die Männer lieber in anderen Bereichen frei­willig engagieren», erklärt sich Peterer die einseitige Zusammensetzung ihres Teams. Allerdings sei die Gruppe in den letzten Jahren jünger geworden. Neu würden sich mehr Frauen zwischen 30 und 40 bei Idem betätigen. Das Gros der Freiwilligen ist aber über 50. Ausreisser gibt es gegen oben und unten: Die zwei jüngsten Freiwilligen sind 20, die zwei ältesten 80 Jahre alt.Die meisten Mitglieder leisten einmal pro Woche einen Einsatz, andere kommen auf Abruf. Engagieren kann sich bei Idem jede und jeder – vorausgesetzt, man bringt Empathie, Flexibilität, Diskretion und einen sauberen Strafregisterauszug mit sich. Mehrmals pro Jahr werden Weiterbildungen durchgeführt.

Zur professionellen Pflege des Spitals habe der Idem-Dienst ein gutes Verhältnis, sagt Peterer. Es könne keine Rede davon sein, dass Ehrenamtliche den Profis die Arbeit wegnehmen würden. Im Gegenteil: «Die Pflege ist froh um die Unterstützung der Idem-Mitarbeiterinnen.» Schliesslich übernehmen die ehrenamtlichen Betreuerinnen keine eigentlichen pflegerischen Aufgaben.

Entstanden auf Spardruck

Warum wurde der Idem-Dienst vor 20 Jahren am Kinderspital eingeführt? «Ein wichtiger Grund war der Spardruck», sagt Alexi Rostetter, ehemaliges Mitglied der Leitung des Kinderspitals und Gründerin des dortigen Idem-Dienstes. Das 1995 eingeführ­te Krankenversicherungsgesetz sollte die Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen erhöhen. Auch wurde das Spital intern umstrukturiert. Dies verlangte Einsparungen und kreative Lösungen im Personalbereich. «Idem war eine Möglichkeit, dennoch eine breite Betreuung zu ermöglichen», sagt Rostetter.

Dabei konnte man auf Erfahrungen aus dem St. Galler Kantonsspital aufbauen. Denn der dortige Idem-Dienst besteht bereits seit 1980. «Wir waren erstaunt, wie einfach es war, Mitglieder für die ehrenamtliche Betreuung am Kinderspital zu finden», sagt Rostetter. Ein Zeitungsinserat und ein Aufruf im Radio genügten, um ausreichend Freiwillige zu finden: Innert kurzer Zeit konnte man den Dienst auf allen Abteilungen aufbauen.

Auch heute besteht kein Personalproblem. «Wir müssen keine Freiwilligen suchen, sondern haben immer wieder Anfragen von Leuten, die bei uns mitmachen wollen», sagt Sabrina Peterer. Einige neue Mitglieder werden aber benötigt. Denn bis Ende des Jahres soll das Idem-Team am Kinderspital auf 60 Mitglieder aufgestockt werden.