Ecstasy-Schlaumeier im «Örtchen»

Skandal! Das riefen viele, als die Staatsanwaltschaft vergangene Woche in der Kunsthalle St. Gallen das Kunstwerk «Random Darknet Shopper» der Mediengruppe Bitnik beschlagnahmte.

Marcel Elsener
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Die Künstlergruppe hatte ein Roboterprogramm, einen Bot, im Darknet Sachen einkaufen lassen – darunter manche halb oder ganz verbotenen wie ein Passepartout-Schlüsselbund der englischen Feuerwehr und – Stein des Anstosses – zehn Pillen der illegalen Droge MDMA oder Ecstasy.

Selbstverständlich machte die skandalträchtige Aktion – Polizei gegen Kunst! – sofort Schlagzeilen im In- und Ausland; vor allem im Ausland, schliesslich war auch die Ausstellung selbst international beachtet worden, von «Liberation» bis «Washington Post» berichteten Weltblätter darüber, Bitnik ist spätestens seit seiner Paket-Aktion für Julian Assange in der ecuadorianischen Botschaft in London ein Begriff in der Kunstwelt. Und was für Schlagzeilen es gab, zitiert hier nur jene der Internet-Postille «The Daily Dot»: «Drug-buying robot arrested in Switzerland». Wow!

Zwiespältige Werbung

Nur dass St.Gallen keinen Spass respektive nichts von Kunst versteht. Ja, sogar «Künstler bestraft», wie manche Medien suggerierten. Kein Wunder bei einem Staatsanwalt, den Fussballfans und Kiffer schweizweit als «Hanfjakob» in fragwürdiger Erinnerung haben. Viele Kommentare verhöhnten den «Ordnungseifer» einer Staatsanwaltschaft, die «offenbar nichts besseres zu tun» habe. Stellvertretend für den zwiespältigen Auftritt St. Gallens in der internationalen Presse die Berliner Tageszeitung «taz», die mit einem angeblichen Witz um einen Staatsanwalt und einen Künstler einstieg, um dann klarzustellen: «Das ist natürlich kein Witz, sondern das, was im hübschen Örtchen Sankt Gallen in der Schweiz nun passierte.»

Immerhin kam St.Gallen da wenigstens vor – im Londoner Magazin «Dazed & Confused» wurde die Ausstellung schlicht Zürich zugeschrieben.

Je mehr Medienberichte man allerdings studiert, desto stutziger wird man. Und bringt ein Schmunzeln nicht mehr weg. Zumal sich auf allen Seiten bauernschlaue Statements finden, angefangen vom St. Galler Kapo-Sprecher Andrea Rezzoli, der im «Blick am Abend» auf die Frage nach dem späten Einschreiten antwortete: «Vielleicht interessieren sich einfach zu wenige Polizisten für Kunst.» Mehr noch wächst mit der Zeit der Verdacht, dass da eine perfekte Inszenierung gegeben wurde – und im Grunde alle unter einer Decke stecken, wenn auch teilweise ungewollt.

Ins Werk integriert

Simone Meier hatte es in ihrem Kommentar auf watson.ch angedeutet: «Wenn das Künstlerkollektiv schlau ist – und es ist aktuell das Schlauste, was wir haben –, integriert es dies ganz einfach in sein nächstes Werk.» Die Justiz selber, jedenfalls der schlaue Staatsanwaltschaftssprecher Andreas Baumann, signalisierte Bereitschaft, ihren Part mitzuspielen. «Durch die Provokation der Künstlergruppe, im Darknet einen Roboter unter Umständen auch gesetzlich strafbewehrte Dinge bestellen zu lassen», sei sie zum Teil dieser Ausstellung und des Kunstprozesses geworden, zitiert heise.de Baumann. «Statt einem eventuellen MDMA könne man für eine etwaige weitere Ausstellung ja dann die Beschlagnahmeverfügung aufhängen.» Was wiederum Bitnik im Interview mit «Dazed» zur Aussage animierte, die Behörden schienen «einen guten Sinn für Humor» und ziemliches «Kunstverständnis» zu haben.

Wer hat denn nun kurz vor Ausstellungsende bei der Polizei angerufen? Niemand aus dem Umfeld der Künstler, beteuert Baumann, «oder dann waren sie sehr, sehr clever». Wie auch immer ist der «bewusst ins Rollen gebrachte Stein» dank der St. Galler Justiz prächtig am Ausrollen. Nur ein wichtiges Detail ist laut taz noch ungeklärt: ob es sich bei den Pillen überhaupt um Drogen handelt. «Um dies herauszufinden, müsste man sie untersuchen – oder mal dran lecken. Beides aber wäre unweigerlich ein Eingriff in die Kunstfreiheit. Oder, mindestens: eine recht unterhaltsame Performance.» Von wem auch immer.