Eclat in der Kirchgemeinde Tablat

ST.GALLEN. Erst die Wahl in die Synode, tags darauf die Kündigung: In der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Tablat empören sich Kirchbürger über einen Personalentscheid der Kirchenleitung. Die derzeitigen Unruhen dürften aber tiefere Ursachen haben.

Daniel Klingenberg
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Über der Kirchgemeinde Tablat ziehen dunkle Wolken auf: Der «Grossacker-Rat» fordert von der Kantonalkirche eine Untersuchung der Vorgänge. (Bild: Ralph Ribi)

Über der Kirchgemeinde Tablat ziehen dunkle Wolken auf: Der «Grossacker-Rat» fordert von der Kantonalkirche eine Untersuchung der Vorgänge. (Bild: Ralph Ribi)

Am 23. September hat in der Evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Tablat eine ausserordentliche Kirchgemeindeversammlung stattgefunden. Dabei wählten die Kirchbürger die 53jährige Leiterin des Bereiches Diakonie der Kirchgemeinde Tablat in die Synode. Die Synode ist das 180köpfige kantonale Parlament der Reformierten; unter Diakonie wiederum versteht man soziale Aufgaben wie den Aufbau und die Leitung von Freiwilligengruppen in einer Kirchgemeinde. Tags darauf wird der Diakonie-Fachfrau von der Kirchenleitung gekündigt.

Kritik vom «Grossacker-Rat»

Aufgrund der beiden unmittelbar aufeinanderfolgenden Vorgänge hat der «Grossacker-Rat», ein Gremium der mit etwas über 8000 Mitgliedern grössten Kirchgemeinde des Kantons, ein Protestschreiben verfasst und an zahlreiche Adressaten verschickt. «Die perfide Kündigung schlägt ein wie eine Bombe», heisst es in dem Schreiben, das der Redaktion vorliegt. Es habe deswegen in einer Sitzung der Kirchenvorsteherschaft Krach und heftige Proteste von Kirchbürgern gegeben. Die Diakonie-Fachfrau hatte ihren Arbeitsort im Grossacker.

Neuer Präsident ab 1. November

Die Kirchenvorsteherschaft von Tablat, das als Kirchgemeinde vom Grossacker über Rotmonten, Halden, Stephanshorn und Heiligkreuz bis Wittenbach reicht, wird derzeit von Paul Pfenninger als Interimspräsident geführt. Gewählt wurde er nach dem Rücktritt der langjährigen Präsidentin Margit Gerig im Sommer 2015. Der neue Präsident Johannes von Heyl, der ebenfalls am 23. September gewählt wurde, tritt sein Amt am 1. November an.

Interimspräsident Pfenniger sagt zur Kritik des «Grossacker-Rates»: «Aufgrund der Persönlichkeitsrechte aller aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter werden personalpolitische Entscheide nicht kommentiert. Zum aktuellen Fall kann daher keine Aussage gemacht werden.» Und weiter: «Grundsätzlich kann bezüglich aller Arbeitsverhältnisse gesagt werden, dass sämtliche Entscheide in Personalangelegenheiten überlegt und durch mehrere Personen getroffen werden.» Personalentscheide und eine Wahl in die Synode seien zudem «organisatorisch und personaltechnisch» zwei völlig unabhängige Bereiche. Dazu, ob die Kündigung zu einem Imageschaden führen kann, will Pfenninger keine Stellung nehmen.

So sachlich, wie es die Stellungnahme nahe legt, scheint allerdings in der Tablater Kirchenvorsteherschaft nicht alles über die Bühne gegangen zu sein. Dem Vernehmen nach haben einige ihrer Mitglieder an der Versammlung den Kirchbürgern empfohlen, die Diakonie-Fachfrau nicht in die Synode zu wählen. Die nun erfolgte Kündigung hat zudem ein rechtliches Nachspiel.

Neue Strukturen

Dass die Situation dermassen hochkocht, dürfte auch an Entscheiden im «Prozess Tablat» liegen. Der 2006 bis 2008 laufende Umstrukturierungsprozess hatte «eine Ausrichtung der Kirchgemeinden nach unterschiedlichen spirituellen Ausprägungen» zum Ziel. Konkret: Statt einfach von Wittenbach bis Grossacker Quartiergemeinden zu sein, sollen die einzelnen Kirchen «Profile» bekommen. So soll etwa im einen Kirchenquartier Musik im Vordergrund stehen, im anderen Familienarbeit. Der Grossacker hat das Schwerpunktthema «Diakonie». Mit dieser Spezialisierung will man erreichen, dass in der Riesengemeinde Tablat mit über 30 Angestellten und einem Budget von 6,4 Millionen Franken nicht alle alles machen müssen. Und die Kirchbürger sollen nach ihrem Interesse wählen können, wohin sie gehen. Die Bildung solcher «Profilgemeinden» ist in grösseren Kirchgemeinden üblich.

Für den Grossacker hatte der Strukturprozess Folgen. Erstens ist die dort vorgesehene Pfarrstelle seit längerer Zeit nicht besetzt. Das soll sich ändern: «Die Kirchenvorsteherschaft hat im September beschlossen, eine 30- bis 40-Prozent-Stelle zu besetzen», sagt Pfenninger. Zweitens wurden die lokalen Gremien, die sogenannten Kirchkreiskommissionen, in allen Kirchenquartieren abgeschafft. Ist der «Grossacker-Rat», den es seit fünf Monaten gibt, eine Reaktion darauf? Nach Ansicht von Pfenninger ist dies nicht der Fall, denn der «Grossacker-Rat» habe andere Aufgaben als die ehemalige Kirchkreiskommission.

«Untersuchung» gefordert

Der neunköpfige «Grossacker-Rat» hat sein Protestschreiben auch an die Kantonalkirche geschickt. Er fordert von der übergeordneten Instanz «eine Untersuchung» der Geschehnisse rund um die Kündigung. Markus Bernet von der Kantonalkirche dazu: «Der Kirchenrat wird an seiner Sitzung Ende Oktober über sein Vorgehen entscheiden. Grundsätzlich hat die Gemeindeautonomie einen hohen Stellenwert: Die Kirchenvorsteherschaft und die Geschäftsprüfungskommission sind nach den gesetzlichen Grundlagen die Gremien, welche die wesentlichen Befugnisse für die Gemeinde haben. Der Kirchenrat greift aber etwa ein, wenn geltendes Recht verletzt wird.»

Ruhe in die Gemeinde bringen

Für Evangelisch-Tablat dürfte es jetzt darum gehen, Ruhe in die Gemeinde zu bringen. Wie will man das erreichen? «Die Kirchenleitung Tablat und die Mitarbeitenden haben schon immer ein offenes Ohr für Anliegen aus der Gemeinde gehabt», sagt Paul Pfenninger. «Oft braucht es aber Kompromisse, um Bedürfnisse und Ansprüche der Mitarbeitenden, Kirchbürger und Behörden aufeinander abzustimmen.»