DURCHMESSERLINIE: St.Galler Eisenbahn-Unikum verschwindet: Ein letztes Mal über die Ruckhalde ruckeln

Am Ostermontag fährt das «Gaiserbähnli» letztmals über die Ruckhalde. Bis zur Eröffnung des neuen Ruckhaldetunnels Anfang Oktober kommen Ersatzbusse zum Einsatz. Die historische Strecke mit der engsten Zahnradkurve der Welt ist also bald Geschichte. Die Bevölkerung kann sich aber später ein Stück davon ins Wohnzimmer stellen.
David Gadze
Eine Komposition der Appenzeller Bahnen (AB) durchfährt die Ruckhaldekurve. (Bild: Hannes Thalmann - 29. Juni 2007)

Eine Komposition der Appenzeller Bahnen (AB) durchfährt die Ruckhaldekurve. (Bild: Hannes Thalmann - 29. Juni 2007)

Das Gaiserbähnli verlangsamt die Fahrt. Ein Ruckeln, ein dumpfes Geräusch, und dann setzt das Rattern des Zahnrads ein. Seit fast 130 Jahren kriecht es auf diese Weise die Ruckhalde hinauf und hinunter. Nach diesem Wochenende ist Schluss damit: Am Ostermontag überwinden die Züge der Appenzeller Bahnen (AB) letztmals die rund 70 Höhenmeter zwischen dem Güterbahnhofareal und dem Riethüsli auf diesem Weg. Danach hat die alte Bergstrecke ausgedient.

Ab 7. Oktober verkehren die Züge durch den neuen Ruckhaldetunnel, der sich derzeit im Bau befindet. Er ermöglicht die Durchmesserlinie, die künftig die Teilstrecken St. Gallen–Appenzell und St.Gallen–Trogen miteinander verbindet. Womit man künftig von Appenzell nach Trogen fahren kann, ohne im Gaiserbahnhof in St.Gallen umsteigen zu müssen.

Aufgrund der Bautätigkeit an der Ruckhalde wird die Zugsverbindung zwischen St.Gallen und Teufen aber schon ab Osterdienstag bis Anfang Oktober unterbrochen. In dieser Zeit kommen Ersatzbusse zum Einsatz. Sie fahren an der St.-Leonhard-Strasse vor dem Neumarkt ab und kommen auf dem Bahnhofplatz an. In St.Gallen gilt der bisherige Zugfahrplan, in Appenzell und Trogen ist die Abfahrt nach St.Gallen jeweils vier Minuten früher.

Neue Brücke über die Oberstrasse

Der Grund für die Streckenunterbrechung ist in erster Linie der Neubau der Brücke über die Oberstrasse. Sie wird am 11. April abgerissen. Da die Arbeiten am Tag stattfinden, ist die Oberstrasse an diesem Tag von 5 bis 22 Uhr in jenem Abschnitt gesperrt. Der Verkehr wird umgeleitet. Die Busse der VBSG-Linien 2 und 8 fahren über die Güterbahnhofstrasse.

Die Eisenbahnbrücke über die Oberstrasse. Sie wird am 11. April abgebrochen und danach bis im Sommer neu gebaut. (Bild: Michel Canonica - 4. März 2015)

Die Eisenbahnbrücke über die Oberstrasse. Sie wird am 11. April abgebrochen und danach bis im Sommer neu gebaut. (Bild: Michel Canonica - 4. März 2015)

Von Mitte April bis Ende Juli erfolgt der Bau der neuen Brücke. Dafür wird ein Stahlgerüst montiert und die neue Brücke vor Ort betoniert. Gemäss AB-Mediensprecherin Sabrina Huber sind infolge des Neubaus keine weiteren Sperrungen der Oberstrasse notwendig. Allerdings müssen sich Auto- und Velofahrer mit etwas schmaleren Fahrspuren begnügen.

Zu gerade und zu steil

Der Neubau der Brücke über die Oberstrasse erfolgt aus zwei Gründen. Zum einen erfordert der Ruckhaldetunnel eine Anpassung der Streckengeometrie beim Nordportal, da die Züge künftig aus einer Kurve in den und aus dem Tunnel fahren. Deshalb müssen Brücke und Schienen leicht versetzt werden. Zum anderen ist das bestehende Gefälle der Brücke zu hoch, um sie ohne Zahnradantrieb bewältigen zu können. Die neue Brücke muss also eine etwas geringere Steigung aufweisen.

Ausserdem muss das Gleisfeld unter der Vonwilbrücke leicht abgesenkt werden, da der Abstand zum Trassee aufgrund neuer Vorschriften inzwischen zu gering ist. Auf einer Länge von rund 100 Metern entsteht im Güterbahnhofareal eine Art Wanne, in welche die neuen Schienen kommen.

Anpassungen im Gaiserbahnhof

Während der sechsmonatigen Unterbrechung des Zugverkehrs führen die Appenzeller Bahnen weitere Arbeiten in der Stadt St.Gallen durch. Im Gaiserbahnhof sind noch diverse Anpassungen für die Durchmesserlinie notwendig.

Von Mitte April bis Ende Mai wird der Unterstand am Gleis 11 in Richtung Appenzell ersetzt. Dort entsteht eine Wartehalle, die gestalterisch jenen auf dem Bahnhofplatz entspricht. Ausserdem gibt es künftig eine direkte Verbindung zwischen der St.-Leonhard-Strasse und dem Gaiserbahnhof (siehe Zweittext) Die Kreuzungsstelle in der Lieb­egg wird verlängert.

Zukunft der alten Kurve ist noch offen

Der Rückbau der Gleise an der Ruckhalde beginnt am Osterdienstag. Noch offen ist, ob ein Teil der Kurve – der engsten und steilsten Zahnradkurve der Welt – erhalten werden soll, wie dies der Heimatschutz fordert. Bis ein Entscheid gefällt ist, lagern die AB 100 Meter Schienen und Zahnradstange aus der Kurve ein.

Wer sich ein Stück St. Galler Eisenbahngeschichte sicher will, kann das Anfang Oktober tun: Anlässlich der Eröffnung des Ruckhaldetunnels verkaufen die AB Teile der Zahnstange an die Bevölkerung.

www.modernisierung-ab.ch

Neuer direkter Übergang zum Gaiserbahnhof

Verbindung  Wenn am 7. Oktober die Appenzeller Bahnen den Zugbetrieb zwischen St.Gallen und Teufen wieder aufnehmen, erwarten die Passagiere verschiedene Neuerungen. Die wichtigste ist, dass ab dann die neuen «Tango»-Züge fahren – und zwar durch den Ruckhaldetunnel. Die Verbindung der beiden Teilstrecken zwischen St.Gallen und Trogen sowie zwischen St.Gallen und Appenzell erfolgt jedoch erst mit dem Fahrplanwechsel im Dezember.

Wer von der St.-Leonhard-Brücke zum Gaiserbahnhof kommt, muss künftig nicht um das Gebäude herum gehen, sondern kann auf Höhe des St.Leonhardpärklis direkt auf die beiden Perrons gelangen. Dort erstellen die Appenzeller Bahnen eine neue oberirdische Verbindung für Fussgänger. Diese wird ab 7. Oktober geöffnet sein. Der Übergang auf das Gleis 11 wird mit einer Schranke gesichert.

Und wo früher das «Gaiserbähnli» hielt, parkieren künftig Autos. Im Bereich der ehemaligen Stumpengleise entlang der St.-Leonhard-Strasse erstellt die Stadt neue Parkplätze. Auch zusätzliche Veloabstellplätze sind hier geplant. (dag)

Die Ruckhalde mit der legendären Eisenbahnkurve und im Vordergrund der Baustelle für den neuen Ruckhaldetunnel. (Bild: Benjamin Manser/Ralph Ribi - 11. Januar 2017)

Die Ruckhalde mit der legendären Eisenbahnkurve und im Vordergrund der Baustelle für den neuen Ruckhaldetunnel. (Bild: Benjamin Manser/Ralph Ribi - 11. Januar 2017)

Ab 7. Oktober verkehren die Züge zwischen St.Gallen und Teufen durch den neuen Ruckhaldetunnel. Hier ein Baustellenbild. (Bild: Michel Canonica - 22. Februar 2018)

Ab 7. Oktober verkehren die Züge zwischen St.Gallen und Teufen durch den neuen Ruckhaldetunnel. Hier ein Baustellenbild. (Bild: Michel Canonica - 22. Februar 2018)

Ab Osterdienstag bis Anfang Oktober ist die Eisenbahnverbindung zwischen St.Gallen und Teufen unterbrochen. Ursache dafür sind Bauarbeiten unterhalb der Ruckhalde: Hier muss die Rampe und die Brücke über die Oberstrasse neu gebaut werden. Auf dem bereits auch historischen Bild fehlt die Baustelle des neuen Tunnels. (Bild: Michel Canonica - 4. März 2015)

Ab Osterdienstag bis Anfang Oktober ist die Eisenbahnverbindung zwischen St.Gallen und Teufen unterbrochen. Ursache dafür sind Bauarbeiten unterhalb der Ruckhalde: Hier muss die Rampe und die Brücke über die Oberstrasse neu gebaut werden. Auf dem bereits auch historischen Bild fehlt die Baustelle des neuen Tunnels. (Bild: Michel Canonica - 4. März 2015)

Auf den Fahrplanwechsel im Dezember werden Gaiser- und Trogenerbähnli im Gaiserbahnhof in St.Gallen zusammengehängt. Dafür sind noch bauliche Massnahmen nötig. Auf dem alten Gleisfeld rechts des Bahnhofsgebäudes entstehen Abstellplätze für Autos und Zweiräder. (Bild: David Gadze - 17. Dezember 2017)

Auf den Fahrplanwechsel im Dezember werden Gaiser- und Trogenerbähnli im Gaiserbahnhof in St.Gallen zusammengehängt. Dafür sind noch bauliche Massnahmen nötig. Auf dem alten Gleisfeld rechts des Bahnhofsgebäudes entstehen Abstellplätze für Autos und Zweiräder. (Bild: David Gadze - 17. Dezember 2017)

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