Dürftige und platte Argumentation

Stadt will keine «Labelitis» Ausgabe vom 7. März 2014

Franz Gerhard Präsident Claro Gossau Seminarstrasse 6, 9200 Gossau
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Die Auszeichnung <<Fairtrade-Town>> soll Städte für den fairen Handel sensibilisieren. Der St. Galler Stadtrat hält nichts von solchen Labels. Das ist sein gutes Recht. Man muss ja nicht auf allen Gebieten Spitzenreiter sein. Was mir aber auf den Wecker geht, ist die dürftige und teils platte Argumentation. «Der Kaffee schmeckt nicht», ist ein Vorwand, der zu Beginn der Fairtrade-Bewegung seine Berechtigung hatte, inzwischen aber längst widerlegt ist. 200 deutsche Städte, mehrere Bundesligavereine und Hunderttausende Konsumenten haben sich für fair gehandelten Kaffee entschieden. Nicht nur, um Kleinbauern das Überleben zu sichern, sondern weil der Kaffee schmeckt. Hier fällt mir Albert Einstein ein, der meinte, es sei leichter, einen Atomkern zu zertrümmern als ein Vorurteil.

Ob Fairtrade-Städte an «Labelitis» leiden und durch den bürokratischen Aufwand am effektiven Vorankommen gehindert werden, wie Stadtrat Fredy Brunner befürchtet, kann ich nicht beurteilen. Geradezu rührend finde ich aber seine Sorge um die regionalen Lebensmittelhändler, die die Stadt in erster Linie unterstützen wolle. Die Region ist bekannt für hervorragendes Obst und Gemüse; es braucht also keine Erdbeeren aus Südafrika. Doch wenn wir weiterhin Kaffee, Bananen und andere exotische Spezialitäten konsumieren wollen, werden wir auf Produzenten ausserhalb der Schweiz angewiesen sein. Und dass man die nicht mit Hungerlöhnen abspeist, möchte der faire Handel beitragen.

Aus eigener Erfahrung weiss ich, dass hier dicke Bretter zu bohren sind. Denn wir sind dazu erzogen worden, zunächst auf den eigenen Vorteil zu achten. Erst allmählich lernen wir, beim Einkauf neben Qualität und Preis auch soziale und ökologische Kriterien zu berücksichtigen. Die Auszeichnung «Fairtrade-Town» könnte dieser Entwicklung einen zusätzlichen Schub geben. Doch «das Feuer brennt von unten», wie man in Brasilien sagt. Ein Stadtratsbeschluss allein bewirkt wenig, wenn er nicht von Gruppen aus der Bevölkerung, von Kirchen und anderen Institutionen oder von gastronomischen «Überzeugungstätern» mitgetragen wird.