Druckkunst aus der Versenkung

Die neuste Ausstellung des Historischen und Völkerkundemuseums widmet sich Frauen in der Kunst, japanischen Einflüssen und dem Handwerk der Farbholzschneiderei. Im Mittelpunkt steht die St. Galler Künstlerin Martha Cunz.

Elisabeth Reisp
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Keine Farbdrucke, sondern Druckplatten zieren eine ganze Wand der Ausstellung. Museumsdirektor Daniel Studer erklärt die Technik. (Bild: Ralph Ribi)

Keine Farbdrucke, sondern Druckplatten zieren eine ganze Wand der Ausstellung. Museumsdirektor Daniel Studer erklärt die Technik. (Bild: Ralph Ribi)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Kunstbetrieb noch immer von Männern dominiert. Also gab sich die Künstlerin Martha Cunz männlich: Sie trug Krawatten, rauchte Stumpen, fuhr Velo. Ob ihr Erfolg kausal zu ihrem burschikosen Wesen stand, bleibt Spekulation. Fakt ist: Sie war bereits zu ihrer Lebzeit erfolgreich und verdiente mit ihrer Kunst auch Geld. Dieser unbeugsamen St. Gallerin, die von 1876 bis 1961 gelebt hat, widmet das Historische und Völkerkundemuseum seine neuste Ausstellung «Faszination Farbholzschnitt». Es ist eine Ausstellung über das Handwerk der Farbholzschnitte, über japanische Einflüsse und über Frauen in der Kunst. Eine Bilderausstellung, die tief blicken lässt.

Das Wappentier des Jugendstils

Die Ausstellung zeigt über 200 Farbholzschnitte, die thematisch gegenübergestellt sind. Geschickt leitet sie von den Ursprüngen des Farbholzschnitts in Japan und vom Handwerk über zu den spezifischen Motiven des Jugendstils. Etwa Tieren, Landschaften und vor allem den Schwänen. «Das eigentliche Wappentier des Jugendstils», sagt Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums.

Gezeigt werden nebst den Bildern von Martha Cunz auch eine Auswahl von anderen wichtigen europäischen Künstlern, die sich dem Farbholzschnitt als Kunstform gewidmet haben.

Bilder von Carl Liner, Otto Eckmann oder auch von Peter Behrens verleihen der Ausstellung eine wissenschaftliche Tiefe. Leicht bekömmlich wird sie aber durch die geschickte Anordnung der Bilder. Augenscheinliche Parallelen der Werke zeigen, dass auch die Kunst zu Beginn des 20. Jahrhunderts Trends unterworfen war. Und auch wie sehr und weshalb der japanische Einfluss so ausgeprägt war (siehe Zweittext). Kuratiert haben Daniel Studer und Assistentin Sabrina Thöny.

Komplette Sammlung

Mit der Ausstellung erfüllt sich Daniel Studer einen kleinen Wunsch. Martha Cunz begleitet ihn seit dem Studium, sogar seine Dissertation verfasste er über die «beste Farbholzschneiderin ihrer Zeit». Nicht zuletzt aufgrund Studers Faszination für Cunz' Werke ist das Historische und Völkerkundemuseum im Besitz aller 71 Druckarbeiten der St. Galler Künstlerin. Begleitend zur Ausstellung erscheint eine 270 Seiten starke Publikation mit einem vollständigen Katalog der Farbholzschnitte von Martha Cunz.

Führung mit Grossneffe

Die Ausstellung eröffnet am Samstag und dauert bis 5. März 2017. Vertiefende Begegnungen mit dem Thema bieten verschiedene Führungen, etwa mit den beiden Kuratoren, mit den Künstlern Alex Hanimann und Josef Felix Müller sowie mit Andreas Cunz, einem Grossneffen der Künstlerin.

Später wird die Ausstellung im Kunsthaus in Solothurn und im Kunstmuseum Spendhaus in Reutlingen gezeigt.

Vernissage: Morgen Freitag, 18.30 Uhr