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DROGENMISSBRAUCH: Die St.Galler koksen mehr denn je

Beim Kokain-Konsum belegt St.Gallen europaweit einen Spitzenplatz. Im Abwasser fanden Forscher im Jahr 2017 fast doppelt so viele Rückstände wie 2016. Ist die Stadt seit neustem eine Kokain-Hochburg? Fachleute relativieren und suchen nach Erklärungen.
Roger Berhalter

Es ist eine traurige Rangliste, welche die europäische Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EMCDDA) soeben veröffentlicht hat. Traurig zumindest aus St.Galler Sicht. Betrachtet man nämlich den Kokain-Konsum, findet sich die Ostschweizer Kleinstadt plötzlich in Gesellschaft von Weltmetropolen wieder. Unter der Woche liegt St.Gallen hinter Zürich, Antwerpen und Barcelona auf dem vierten Platz. An Wochenenden belegt St.Gallen im Städtevergleich sogar den dritten Rang. Mehr gekokst wird nur noch in Barcelona und in Zürich.


Schweizer Städte sind vorne mit dabei

Dies zeigen die neusten Werte einer Abwasserstudie, welche die EMCDDA in fast 60 europäischen Städten jedes Jahr durchführt. Proben aus dem Abwasser werden dabei auf Drogenrückstände untersucht, worauf sich auf den Gesamtkonsum einer Droge in einer Stadt schliessen lässt. Dieser Gesamtkonsum ist gerade in St.Gallen deutlich gestiegen. Im Jahr 2016 ergaben die Messungen der Universität Lausanne noch 508 Milligramm des Kokain-Abbaustoffs Benzoylecgonin pro 1000 Personen und pro Tag. 2017 waren es 942 Milligramm, was fast einer Verdoppelung entspricht.

"Ich würde dieser Verdoppelung aber nicht allzu viel Gewicht beimessen, leider können wir jeweils nur eine Woche pro Jahr untersuchen", sagt Christoph Ort vom Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag, einer der Leiter der internationalen Studie. Wichtiger als die absoluten Zahlen sei der allgemeine Trend, und dieser sei eindeutig: Die Konsumkurve verläuft steil nach oben. Unter den 17 europäischen Städten, die seit 2011 an den Erhebungen mitmachen, stieg die Menge des gemessenen Abbaustoffs im Schnitt um 30 Prozent. Die Schweizer Städte in der Studie liegen alle deutlich über dem Mittel und zusammen mit Antwerpen, Amsterdam und Barcelona europaweit an der Spitze.

Zunächst steigt die Leistung, dann fällt man in ein Loch

Als "besorgniserregend" bezeichnet Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe, diese Ergebnisse. "Wir haben leider aufgeholt", kommentiert er die höheren Kokainwerte in St.Gallen. Gründe für den starken Anstieg zwischen 2016 und 2017 kann er keine nennen. Die Clubszene in der Stadt sei in dieser Zeit mehr oder weniger unverändert geblieben, ebenso der Bevölkerungsmix. "Im Moment habe ich keine logische Erklärung." Eines sei in der Stadt aber zweifellos vorhanden: Eine zahlungskräftige Käuferschicht, die sich die Droge leisten könne und sie bewusst einsetze.

Jürg Niggli, Stiftung Suchthilfe. (Bild: Urs Bucher)

Jürg Niggli, Stiftung Suchthilfe. (Bild: Urs Bucher)

Den typischen Kokain-Konsumenten gibt es laut Niggli nicht. Es gebe den jungen, hippen Konsumenten, der im Beruf Leistung schnell abrufen müsse. Es gebe den Genusskonsumenten, der sich für die Party am Wochenende eine Linie gönne. Es gebe auch den klassischen Drogenabhängigen, der ab und zu ein Kokain-Kügelchen kaufe – "aber das sind sicher nicht die, welche die Statisik in die Höhe treiben." Niggli betont die Gefahren von Kokain. Zwar könne man den Konsum relativ lange kontrollieren und verheimlichen. "Aber plötzlich packt’s einen und man ist abhängig." Dann schlage die aufputschende Wirkung nach dem Rausch ins Gegenteil um, in Antriebslosigkeit und Depression. "Man kann nicht ständig hochtourig fahren. Für die Leistungssteigerung zahlt man einen Preis."

Kokain ist breit verfügbar und günstig erhältlich

Der Preis von Kokain ist in den vergangenen Jahren ständig gesunken. "Mittlerweile sind die Preise moderat", sagt Gian Andrea Rezzoli, Mediensprecher der St.Galler Kantonspolizei. Heute koste ein Gramm Kokain rund 100 Franken, vor 20 Jahren seien es noch 650 Franken gewesen. "Es ist viel Stoff verfügbar, der Markt ist gesättigt." Der Markt habe sich auch verändert. Früher sei der Kleinhandel von Kokain und Heroin klar getrennt gewesen, heute würden viele Strassendealer beides verkaufen.

Den krassen Anstieg des Kokain-Konsums aus der Abwasserstudie kann die Kantonspolizei nicht erklären und aufgrund der eigenen Erfahrung auch nicht bestätigen. Eine grobe Auswertung der Kokain-Delikte auf Stadtgebiet deutet vielmehr auf eine stabile Situation hin. Die Kantonspolizei stellte zwischen 2015 und 2017 in St.Gallen im Schnitt 270 Gramm Kokain pro Jahr sicher. Wobei dieser Wert laut Rezzoli nicht stark schwankte. Bei den Delikten, die in Zusammenhang mit Kokain stehen, zeigt sich ebenfalls kein klarer Trend: 2015 verzeichnete die Polizei rund 150 solcher Vergehen in der Stadt, ein Jahr später waren es 200 Delikte, im Jahr 2017 aber wieder nur 145.

Kaum Crystal Meth

Es gibt auch gute Neuigkeiten zum Drogenkonsum in St.Gallen. Dies geht leicht vergessen, wenn man den rasanten Anstieg von Kokain in der Stadt betrachtet (siehe Haupttext). Doch bei anderen Drogen steht St.Gallen im Städtevergleich viel besser da. Die Abwasserstudie der europäischen Drogenbehörde gibt neben dem Kokain auch Aufschluss über die Häufigkeit anderer Drogen in einer Stadt: Amphetamin (Speed), Metamphetamin (Crystal Meth) und MDMA (Ecstasy).

Diese drei Drogenkategorien sind in St.Gallen relativ wenig verbreitet; bei allen drei liegt die Stadt im europäischen Vergleich im hinteren Drittel. "Zum Glück", findet Jürg Niggli, Leiter der Stiftung Suchthilfe. "Ich bin froh, dass der Konsum dieser Drogen so tief ist", sagt er. Gerade bei Crystal Meth sei das Risiko einer Abhängigkeit viel grösser, und die Droge sei viel unberechenbarer als etwa Kokain. Im Städtevergleich dominieren bei Crystal Meth die Städte aus dem Osten: Budweis und Brno in der Tschechischen Republik, Dresden und Chemnitz in Deutschland sowie Bratislawa in der Slowakei.

Beim Ecstasy belegt gemäss Abwasserstudie im Jahr 2017 Amsterdam den Spitzenplatz, danach folgen in deutlichem Abstand Eindhoven, Antwerpen und Zürich. Beim Speed schliesslich führen Eindhoven und Antwerpen die Konsumrangliste an. (rbe)

Der Urin verrät viel

Um die Rückstände verschiedener Drogen in einem Gebiet zu messen, greifen Forscher auf das Abwasser zurück. Sie entnehmen Wasserproben im Zulauf von Kläranlagen, also vor der Reinigung. Für die Studie der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (siehe Haupttext) ist jeweils eine Woche im Frühling massgebend. In St.Gallen wurde in der Abwasserreinigungsanlage Hofen vom 22. bis 28. März 2017 täglich eine Wasserprobe auf Drogenrückstände untersucht.

Um dem Kokain auf die Spur zu kommen, wird Benzoylecgonin gemessen, ein Abbauprodukt, das der menschliche Körper nach dem Kokainkonsum produziert und mit dem Urin wieder ausscheidet. Die St.Galler Messungen und die obige Grafik sind ein Indikator, wie sich der Kokainkonsum im Einzugsgebiet der Kläranlage Hofen entwickelt.

Die Zahlen zeigen aber auch vieles nicht: Offen bleibt, wie viele der Konsumenten Touristen, Pendler oder Einheimische sind. Unklar ist auch, ob dieselben Personen häufig konsumieren oder ob wechselnde Konsumenten weniger oft Kokain nehmen. Fraglich ist zudem, inwieweit eine Woche im Frühling für ein ganzes Jahr repräsentativ sein kann. Um ein möglichst treffendes Bild des üblichen Konsums zu erhalten, achten die Forscher darauf, die Messungen nicht in den Ferien oder während einer besonderen Veranstaltung durchzuführen. (rbe)

Kokain ist angesagt - in St.Gallen mehr denn je. (Bild: MARTIN RUETSCHI (KEYSTONE))

Kokain ist angesagt - in St.Gallen mehr denn je. (Bild: MARTIN RUETSCHI (KEYSTONE))

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