«Drogen haben auch ihr Gutes»

Die Stiftung Suchthilfe feiert ihr 25jähriges Bestehen. Geschäftsleiter Jürg Niggli erzählt im Interview von Komatrinkern, Videospielsüchtigen und Heroinabhängigen und erklärt, warum die Street Parade nicht viel anders als ein Turnfest ist.

Roger Berhalter
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Festakt im Pfalzkeller: Gestern abend feierte die Stiftung Suchthilfe ihr Jubiläum mit Gästen aus Politik und Verwaltung. (Bild: Michel Canonica)

Festakt im Pfalzkeller: Gestern abend feierte die Stiftung Suchthilfe ihr Jubiläum mit Gästen aus Politik und Verwaltung. (Bild: Michel Canonica)

Herr Niggli, früher gab es die offene Drogenszene, heute gibt es die offene Alkoholszene. Kann man so die letzten 25 Jahre Suchtmittelgeschichte zusammenfassen?

Jürg Niggli: Ja. Das Heroin ist aus dem Sorgenbarometer verschwunden, heute ist der öffentliche Raum stark durch Alkoholkonsum belastet. Das ist ein komplexes Phänomen, weil es sich bei Alkohol um eine legale Substanz handelt. Da ist die Akzeptanz viel grösser.

Was ist hierbei die Rolle der Stiftung Suchthilfe? Können Sie etwas gegen den exzessiven Alkoholkonsum tun?

Niggli: Wir können in der Prävention einen gewissen Beitrag leisten. Alkohol wird für uns auch dann zum Thema, wenn es um Komatrinker geht. Das ist ja dann kein Spass mehr, sondern ein beginnendes Suchtproblem.

Sie sind auch an der Olma-Messe präsent. Was machen Sie dort?

Niggli: Wir sind mit einem Stand vor Ort und auch auf Patrouille dabei, wenn extrem alkoholisierte Menschen aus dem Verkehr gezogen werden. Allgemein geht es uns darum, nah dran zu sein. Wir können die Lage ja nicht vom Büro aus beurteilen. Das gilt auch für andere Anlässe wie die Offa oder das OpenAir, wo wir ebenfalls präsent sind.

Am St. Galler Fest hingegen nimmt die Stiftung Suchthilfe nicht mehr teil. Warum nicht?

Niggli: Aufwand und Ertrag stimmte für uns nicht mehr überein. Wir müssen in unserer Arbeit auch effizient sein.

Welche illegale Droge macht Ihnen heute am meisten Sorgen?

Niggli: Es gibt nicht mehr das Suchtmittel, das Probleme macht. Heute herrscht eine grosse Vielfalt mit verschiedenen Konsumenten und Szenen.

Der Fall ist also nicht mehr so klar wie noch in den 90er-Jahren, als Heroin im Vordergrund stand und es vor allem darum ging, die verwahrlosten Konsumenten vor einer Überdosis zu bewahren?

Niggli: Nein. Wobei die Heroinabhängigkeit immer noch als Inbegriff der Sucht gilt. Es gibt aber andere Abhängigkeiten, die weniger sichtbar und weniger spektakulär sind. Ein Spielsüchtiger zum Beispiel bleibt unauffällig, ruiniert aber seine ganze Familie. Auch elektronische Medien wie Videospiele oder Soziale Netzwerke können zur Sucht werden.

Ein bisschen zu viel Facebook, ist das nicht eine andere Liga als harte Drogen?

Niggli: Ja, schon. Aber es können ähnliche Mechanismen spielen. Nehmen Sie einmal einem 14-Jährigen das Smartphone weg, der kommt auf Entzug! Wir beraten auch Eltern, deren Kinder vor lauter Gamen kaum mehr ansprechbar sind.

Wo wird heute Heroin konsumiert?

Niggli: Die Konsumenten haben sich in den privaten Raum zurückgezogen oder konsumieren versteckt. Es gibt immer noch zahlreiche Heroinabhängige, deshalb braucht es auch nach wie vor unsere Substitutionsprogramme, also die Heroin- und Methadonabgabe.

Wie steht es mit Kokain? ETH-Forscher haben das St. Galler Abwasser untersucht und viel mehr Kokain als früher gefunden.

Niggli: Indizien sprechen dafür, dass es einen Anstieg gegeben hat, ja. Kokainkonsumenten bleiben oft lange als solche unerkannt. Sie haben auch kein Problembewusstsein, deshalb ist es für uns schwierig, an sie heranzukommen.

Sie könnten ja mit der nahen Wirtschaftsuniversität anfangen…

Niggli: Ja, das ist ein Thema. Überall, wo Druck entsteht – sei es durch Stress oder Prüfungen – ist der Griff nach Entlastungsmitteln verlockend. Das entspricht einem gesellschaftlichen Trend: Leiden ist heute uncool, bei jedem Kopfweh greift man sofort zur Schmerztablette.

Und um in Stimmung zu kommen, nimmt man Ecstasy. Gerade fand wieder die Street Parade statt. Sind Partydrogen heute noch ein Problem?

Niggli: Bei den ersten Paraden war oft von Ecstasy und andere Designerdrogen die Rede, da wurde in den Medien viel berichtet. Das hat sich inzwischen gelegt. Bei neuen Substanzen ist das oft der Fall: Es wird so lange problematisiert, bis man einen vernünftigen Umgang damit gefunden hat.

Sie sagen also, man geht heute vernünftig mit Partydrogen um?

Niggli: Ja, aber man darf das nicht verharmlosen. Ein Gesundheitsrisiko besteht, vor allem wenn man verschiedene Substanzen kombiniert. Und gerade bei Pillen weiss man nie genau, was drinsteckt. Aber sonst unterscheidet sich die Street Parade kaum von einem feuchtfröhlichen Turnfest: Hier wie dort kann man am Tag danach einen schweren Kopf haben.

Warum braucht die Gesellschaft denn Drogen?

Niggli: Feste sind mit Rausch verbunden, so gesehen haben Drogen auch ihr Gutes. Auch eine Olma oder ein OpenAir lassen sich nicht suchtfrei durchführen. Die Aufgabe der Stiftung Suchthilfe ist es, den Leuten zu helfen, das richtige Mass zu finden.

Das richtige Mass?

Niggli: Ja. Nehmen wir Cannabis. Einem Zwölfjährigen sage ich: Finger weg! In der Reifephase sind psychoaktive Substanzen fatal. Ein 40-Jähriger aber kann vielleicht damit umgehen – solange er nicht gerade von morgens bis abends Joints raucht.

Jürg Niggli Geschäftsleiter Stiftung Suchthilfe (Bild: Ralph Ribi)

Jürg Niggli Geschäftsleiter Stiftung Suchthilfe (Bild: Ralph Ribi)