Drei Verletzte, aber kein Täter

ST.GALLEN. Ein türkischer Asylsuchender hat sich erfolgreich gegen den Vorwurf gewehrt, er habe in einem Club in St.Gallen zwei Gäste mit einer zerbrochenen Bierflasche verletzt. Das Kreisgericht St. Gallen sprach ihn frei.

Claudia Schmid
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Der Beschuldigte soll eine Bierflasche entzwei geschlagen und mit einer Scherbe einen Mann verletzt haben. (Bild: Keystone/Symbol)

Der Beschuldigte soll eine Bierflasche entzwei geschlagen und mit einer Scherbe einen Mann verletzt haben. (Bild: Keystone/Symbol)

Der Vorfall ereignete sich in der Nacht vom 1. Dezember 2013 in einem Club in der St.Galler Innenstadt. Laut Anklageschrift kam es zwischen einem 33jährigen Türken und einem weiteren Gast, der mit seinem Kollegen da war, zunächst zu einer verbalen Auseinandersetzung. Während des Streits soll der Beschuldigte eine Bierflasche entzwei geschlagen und den kaputten Glasteil einem der beiden Männer über den Kopf gezogen haben.

Beide Männer verletzt

Gemäss Anklage gingen die beiden Gäste danach mit Fäusten auf den Beschuldigten los. Im Handgemenge habe dieser mit der kaputten Glasflasche den einen Mann am Oberarm, an der Wange und an der Stirn verletzt. Der andere Gast erlitt eine Rissquetschwunde am Haaransatz. Die Staatsanwaltschaft klagte den Beschuldigten wegen schwerer und einfach qualifizierter Körperverletzung an. Sie beantragte eine bedingte Freiheitsstrafe von zehn Monaten und eine Busse von 600 Franken.

Der Beschuldigte, der seit 2008 in der Schweiz lebt, wehrte sich an der Verhandlung am Kreisgericht St.Gallen gegen die Vorwürfe. Vielmehr sei er das Opfer. Die beiden Männer hätten ihn wüst beschimpft, weil er Ausländer sei. Er sei von ihnen verletzt worden und habe am Auge und am Daumen geblutet.

Schnittwunden und Narben

Der Einzelrichter befragte an der Gerichtsverhandlung auch einen der beiden Gäste. Nachdem er gemeinsam mit dem Kollegen das Lokal betreten habe, sei er kurz an eine andere Bar gegangen, sagte dieser aus. Plötzlich habe er bemerkt, dass es zwischen einem Gast und seinem Kollegen Probleme gebe. Er habe schlichten und die beiden Männer trennen wollen. Dabei seien wüste Worte gefallen. Unvermittelt habe der Beschuldigte die Bierflasche kaputt gemacht und ihm die Scherben ins Gesicht geschlagen. Sein Rechtsanwalt verlangte deshalb Schadenersatz in der Höhe von 12 500 Franken. Das Opfer habe tiefe Schnittwunden und bleibende Narben im Gesicht erlitten.

Die Verteidigerin des Beschuldigten verlangte hingegen einen Freispruch. Die beiden Gäste seien stark alkoholisiert gewesen, während ihr Mandant mässig Alkohol getrunken habe. Allein deshalb seien die Aussagen des Beschuldigten glaubwürdiger als die widersprüchlichen Erklärungen der beiden Männer. Der Auslöser der Auseinandersetzung sei nicht bekannt und auch die Videoaufnahmen klärten den Tathergang nicht. Ihr Mandant habe keinen Grund gehabt, die Gäste anzugreifen. Zudem sei er ebenfalls verletzt worden und habe als erster bei der Polizei eine Anzeige gemacht.

Freispruch gefällt

Das Kreisgericht St.Gallen sprach den Beschuldigten frei. Er habe eingehend versucht, das Video zu analysieren, doch blieben Zweifel, ob der Beschuldigte bewusst eine Flasche zerschlagen habe, um auf seine Kontrahenten loszugehen, erklärte der Einzelrichter. Zu sehen sei hingegen, dass der erste tätliche Angriff nicht von ihm ausgegangen sei. Man erkenne auch, dass die beiden Kollegen nebeneinander gestanden hätten, als der Beschuldigte hinzugekommen sei. Die Aussagen der Kläger seien also widersprüchlich.

Die Männer hätten zwar Schnittverletzungen erlitten. Es sei aber unklar, wie sie entstanden seien. Aufgrund von Spekulationen könne ein Gericht keinen Schuldspruch fällen.