Dorfleben zählt mehr als der Steuerfuss

Mag sein, dass es Zufall war. Tatsache ist: Noch an keiner Bürgerversammlung war der 1965 erstellte Adlersaal in Muolen so gut besetzt wie am Montagabend, als über dessen Abriss entschieden wurde. 316 Personen, fast 38 Prozent der Stimmberechtigten, wollten mitentscheiden.

Corinne Allenspach
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Mag sein, dass es Zufall war. Tatsache ist: Noch an keiner Bürgerversammlung war der 1965 erstellte Adlersaal in Muolen so gut besetzt wie am Montagabend, als über dessen Abriss entschieden wurde. 316 Personen, fast 38 Prozent der Stimmberechtigten, wollten mitentscheiden. Ein Wert, der nicht einmal bei jeder Urnenabstimmung erreicht wird.

Schliesslich ging es um den grössten Kredit seit Jahrzehnten. Auf rund 5,6 Millionen Franken brutto ist der neue Mehrzwecksaal veranschlagt, in dem künftig auch Vereinssport möglich sein wird. Ein riesen Brocken für ein 1200-Einwohner-Dorf. Zumal Muolen nicht nur zu den kleinsten Gemeinden im Kanton zählt, sondern auch zu den finanzschwächsten. Mit dem Neubau steigt die Pro-Kopf-Verschuldung gemäss Finanzplanung des Gemeinderats von jetzt 280 auf 3860 Franken. Eine Steuersenkung ist damit für Jahre vom Tisch. Es hätte demnach nicht verwundert, hätte die Bürgerversammlung dem Projekt eine klare Abfuhr erteilt.

Doch die Muoler stimmten dem Neubau mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit zu. Mitgespielt hat sicher, wie aus mehreren Voten hervorging, eine Portion Nostalgie. Vor Jahrzehnten war der Adlersaal der Tanztempel in der weiteren Region. Und ein Ort, an dem Generationen rauschende Feste feierten. Solche sollen mit dem Neubau auch kommenden Generationen ermöglicht werden. Eine bemerkenswerte Argumentation.

Ebenso bemerkenswert ist, dass in einer Zeit, in der vielen das eigene Portemonnaie am nächsten ist, der Wunsch nach einem lebendigen Vereins- und Dorfleben über finanzielle Bedenken gesiegt hat. Seit 2008 plant der Gemeinderat den Neubau. Damit aus dem Ja nun eine gefreute Sache für viele wird, stehen beide Seiten in der Pflicht. Der Gemeinderat, indem er die Obergrenze des gesprochenen Kredits einhält. Und die Bürger, indem sie den neuen Saal dereinst ebenso mit Leben füllen, wie sie es seit 50 Jahren mit dem Adlersaal tun.

corinne.allenspach@tagblatt.ch

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