DISKUSSION: Aufgesetzt lustig versus schwer einzuschätzen

Die Erfreuliche Universität im Palace hat sich am Dienstag mit der Stadtpolitik und den Stadtratswahlen beschäftigt. Vor dem zweiten Wahlgang wurde dabei auch Kritik an den Kandidaten laut.

Roger Berhalter
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Er dürfte hochspannend werden, der zweite Wahlgang um den freigewordenen Stadtratssitz. Von einem «wahnsinnig knappen Resultat» sprach am Dienstagabend auch Kaspar Surber vom Palace-Team. Wahnsinnig knapp deshalb, weil die beiden Topkandidaten Sonja Lüthi (GLP) und Boris Tschirky (CVP) fast gleichauf liegen. Zumindest wenn man wie Surber etwas Wahlarithmetik betreibt: Rechnet man alle bürgerlichen Stimmen des ersten Wahlgangs Tschirky zu und zählt man ausserdem alle linken Stimmen zu Lüthi, dann ergibt sich ein hauchdünner Abstand von 137 Stimmen. Der zweite Wahlgang wird ein Kopf-an-Kopf-Rennen.

Vor diesem Hintergrund hatten Kaspar Surber und Rolf Bossart am Dienstag zu einer Erfreulichen Universität ins Palace geladen. Zu einem offenen Austausch über die aktuelle Stadtpolitik, zwei Tage nach dem ersten Wahlgang der Stadtratswahlen. Kaum ein Dutzend Interessierte folgte der Einladung. Dies obwohl solche Diskussionsabende nach Wahlen und Abstimmungen im Kulturlokal schon fast Tradition sind.

Die Konkordanz spricht für die CVP

Viel Kritik war an diesem Abend zu hören. Einerseits an den Kandidatinnen und Kandidaten des ersten Wahlgangs. Boris Tschirky wirke unsympathisch, habe einen «aufgesetzten Humor», hiess es aus dem Publikum. Jürg Brunner sei ein völlig untypischer SVPler. Sonja Lüthi sei schwer einzuschätzen. Andri Bösch sei zwar eine «super Figur», sagte Rolf Bossart, doch: «Für einen Chefposten wähle ich niemanden, der 20 ist.» Stattdessen habe er als sonst überzeugter SP-Wähler seine Stimme Boris Tschirky gegeben. Aus Konkordanzüberlegungen sei es nicht angezeigt, die CVP aus dem Stadtrat zu werfen.

Kritik wurde anderseits auch am amtierenden Stadtrat laut. Viel zu selten sei aus dem Fünfergremium Visionäres zu hören. Surber fragte in die Runde, wo denn die fortschrittlichen Anliegen in der Stadt geblieben seien? Ein Mitdiskutant aus dem Publikum erwähnte als Beispiel das Tram-Projekt, das Stadt und Kanton soeben beerdigt haben (Ausgabe vom Dienstag): «Man hat keinen Mut dazu, das ist wieder einmal typisch.» Stadtrat Markus Buschor, der ebenfalls im Publikum sass, verteidigte sich: «Ja, man kann dem Tram nachtrauern. Es ist aber aus mehreren Gründen nicht der richtige Zeitpunkt dafür.» Zudem sei das Projekt sehr schwer zu finanzieren.

Im Zweifel für die Frau

Kaspar Surber sprach die Abwanderung der Jungen an. «Das ist ein strukturelles Problem.» Ihm gebe es zu denken, dass viele Junge die Stadt und den Kanton verlassen. «Wenn weniger junge Leute im Ausgang sind, spüren wir das im Palace sehr direkt», sagte Surber und gab zum Schluss noch eine Wahlempfehlung: «Im Zweifelsfall würde ich die Frau wählen.»

Roger Berhalter

roger.berhalt

er@tagblatt.ch