Dieter Niedermann zum Abschied

Gestern fand im St. Galler Dom die Trauerfeier für Dieter Niedermann, alt Staatssekretär des Kantons St. Gallen, statt. Hans-Jürg Schär, alt Staatsschreiber von Appenzell Ausserrhoden, würdigte den Verstorbenen als Freund und Amtskollegen. Der nachstehende Text enthält Auszüge aus seiner Ansprache.

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Dieter J. Niedermann (Bild: ky/Regina Kühne)

Dieter J. Niedermann (Bild: ky/Regina Kühne)

Gestern fand im St. Galler Dom die Trauerfeier für Dieter Niedermann, alt Staatssekretär des Kantons St. Gallen, statt. Hans-Jürg Schär, alt Staatsschreiber von Appenzell Ausserrhoden, würdigte den Verstorbenen als Freund und Amtskollegen. Der nachstehende Text enthält Auszüge aus seiner Ansprache.

In den vielen Jahren, in denen wir uns kannten, haben wir immer wieder in aller Freundschaft miteinander verbal «gefochten» – möglichst nicht mit dem Säbel, sondern mit dem Florett.

Ich genoss seinen raschen Geist und bemühte mich redlich, ihm standzuhalten. Und wir beide wussten genau: Wenn der andere besonders freundlich war, musste man mit dem Schlimmsten rechnen; so waren wir voreinander auf der Hut – bis befreiendes Gelächter den eigentlichen Sinn (oder Unsinn) offenlegte. Nie haben wir uns etwas nachgetragen; immer freuten wir uns auf die nächste Runde.

Dabei kam mir – dem «Quasi-Appenzeller» – natürlich zugute, was Stefan Sonderegger über den Appenzeller schreibt: «Der Appenzeller ist manchmal verletzend, aber nicht böse von innen heraus». (Das könnte er auch von den St. Gallern gesagt haben…)

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Es steht mir nicht zu, Dieter Niedermanns Arbeit in der Staatskanzlei zu kommentieren. Eines weiss ich aber ganz sicher: Man konnte sich auf ihn verlassen, und was er tat, tat er überlegt.

So konnte es nicht ausbleiben, dass seine herausragende Stellung mit dem Titel «Staatssekretär» gekrönt wurde – als einziger in der Schweiz, und damit wurde er auch gelegentlich Zielscheibe liebenswürdigen Spotts. Dieter Niedermann war gerne «Staatssekretär», er war darauf auch ein bisschen stolz. Und zudem war der Titel – vor allem auf Reisen in Deutschland – mit konkreten Privilegien verbunden: Während die Regierungsräte (in Deutschland ein mittlerer

Verwaltungsrang) zum Hinterhof hin logierten, genoss der Staatssekretär (fast ein Minister) die Annehmlichkeiten von Suiten… (sagt man.). Aber insgesamt trug er den Kopf deswegen nicht höher; vielmehr blieb er der alte Dieter Niedermann, der sich im Kreise der Schreiber – Titel hin oder her – wohl fühlte.

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Als Staatsschreiber hat Dieter Niedermann unermüdlich daran gearbeitet, der Staatskanzlei das Gewicht zu verschaffen, das ihr als zentrales Organ der Verwaltung zusteht. Mit viel Geschick hat er auch die Kontakte mit dem nahen Ausland gepflegt und entwickelt, vor allem in der Bodensee-Konferenz und der Arge Alp. Und unermüdlich hat er sich – als engagierter Föderalist – dafür eingesetzt, dass die Kantone ihre wichtige Rolle in der Schweiz effizient wahrnehmen können;

die Konferenz der Kantonsregierungen und das «Haus der Kantone» – zuerst mit Häme bedacht – waren schon vor langer Zeit sein Anliegen. Er machte mit seiner Arbeit und seiner Persönlichkeit deutlich, was seinerzeit Otto von Bismarck prägnant formuliert hat: «Mit guten Beamten und schlechten Gesetzen lässt sich regieren – gegen schlechte Beamte helfen auch die besten Gesetze nichts!» Mit Dieter Niedermann konnte man regieren – Gesetze hin oder her.

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Die Beziehungen unserer beiden Kantone zueinander waren immer wieder Gegenstand unserer verbalen Geplänkel. Dabei wusste Dieter Niedermann schon ganz genau, wer der wichtigere und wer der kleinere Bruder ist. So erläuterte er einmal einer grösseren Gesellschaft (darunter auch Welsche) vor einer Landkarte seinen Kanton; er zeigte unter anderem auf die beiden Appenzell und bemerkte dazu genüsslich: «Ici, au milieu, il y a un trou.

» Ich hatte glücklicherweise bald Gelegenheit, ihn zu korrigieren: «Mon cher Dieter, ce n'est pas un trou – c'est une trouvaille !»

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Dieter Niedermanns politische Haltung, seine gesellschaftliche Position lassen sich mit ganz verschiedenen Adjektiven umschreiben, mit einem allerdings gewiss nicht: mit dem Begriff progressiv.

Ich habe das besonders in jener Zeit realisiert, als ich mit Begeisterung und voller Ideale mit der Totalrevision der Ausserrhoder Verfassung beschäftigt war – und das auch in St. Gallen darstellen durfte. Dieter Niedermann hatte dafür ein zwar freundliches, aber unübersehbar hämisches Lächeln («Macht nur weiter so; nützt's nüt, so schadt's nüt»). Die anschliessende Revision der St.

Galler Verfassung war ihm eher Pflichtübung; er hätte ebenso gut mit der alten Verfassung leben können – sie hat, wie er sich ausdrückte, «nichts verhindert».

Auch bei Kunst und Kultur neigte Dieter Niedermann nicht zum Experiment; bald einmal wurden ihm moderne Kunst und moderne Künstler suspekt. Er wusste natürlich, dass ich hier nicht gleicher Meinung war.

Für seine Grosszügigkeit, auch für seinen Humor spricht deshalb ganz besonders, dass er mir anlässlich eines runden Geburtstags ein massstabgetreues Modell des «roten Fasses» von Roman Signer gebastelt hat!

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Je länger, desto weniger weiss ich, ob ich Dieter Niedermann wirklich gekannt habe. So offen, so kontaktfreudig er sich gab – sich selber hat er kaum je geöffnet. Er machte uns den Zugang zu sich, zu seinem Innern, nicht leicht.

Er selber hat ja gefragt: «Was wissen wir schon über einen auch allenfalls nahestehenden Menschen?» Mindestens eines weiss ich aber: Wir haben uns immer respektiert, mit allen unseren Besonderheiten, und wir haben uns – bei aller Verschiedenheit – einfach gut gemocht.

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