Dieses zweite Debakel ist hausgemacht

Das Resultat der Marktplatz-Abstimmung ist eine politische Ohrfeige. Das mit 58 Prozent Nein-Stimmen sehr klare Resultat überrascht, weil die Vorlage vor einem Jahr als unbestritten galt. Der Opposition, die sich unmittelbar vor der Parlamentsberatung formierte, ist es im Abstimmungskampf aber leichtgefallen, die Stimmung zu drehen. Das kam nicht von ungefähr.

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Die St.Gallerinnen und St.Galler haben eine Neugestaltung des Marktplatzes abgelehnt. (Bild: Benjamin Manser)

Die St.Gallerinnen und St.Galler haben eine Neugestaltung des Marktplatzes abgelehnt. (Bild: Benjamin Manser)

Das Resultat der Marktplatz-Abstimmung ist eine politische Ohrfeige. Das mit 58 Prozent Nein-Stimmen sehr klare Resultat überrascht, weil die Vorlage vor einem Jahr als unbestritten galt. Der Opposition, die sich unmittelbar vor der Parlamentsberatung formierte, ist es im Abstimmungskampf aber leichtgefallen, die Stimmung zu drehen. Das kam nicht von ungefähr.
Der erste Anlauf für die Umgestaltung des Marktplatzes wollte zu viel auf einmal. Die zweite, jetzt abgelehnte Vorlage war auch umfangreich. Wäre sie hieb- und stichfest gewesen, hätte das nichts ausgemacht. Die Stadt selber hat es fertiggebracht, so viele Fehler zu machen, dass es jetzt zum zweiten Absturz gekommen ist.
Von Anfang an war die Vorlage mit dem Verdacht belastet, der Stadtrat und die Parlamentsmehrheit wollten gezielt das Volk umgehen. Dazu kam eine fragwürdige Kommunikation; etwa das Kleinreden der Kosten durch Zahlenakrobatik. Zu den Ungereimtheiten der Vorlage gehörte der Millionen-Blankocheck, mit dem ein Eventraum ohne Nutzungskonzept und eine Toilettenanlage hätten erstellt werden sollen. Der Vorlage letztlich das Genick gebrochen haben der Verzicht auf den ständigen Markt sowie der Umgang mit seinen Händlern.
Wenn der Stadtpräsident das Abstimmungsresultat jetzt als eines gegen «den autofreien Marktplatz» interpretiert, ist er weit von seinem Volk entfernt. Die Befreiung vom Autoverkehr war im Abstimmungskampf gar kein Thema. Dass der Stadtrat einen Marschhalt einlegen will, ist aber richtig. Auch, weil man hoffen darf, dass er die eigene Rolle und Verantwortung beim zweiten Marktplatz-Desaster noch selbstkritischer hinterfragt.

Reto Voneschen

reto.voneschen@tagblatt.ch