«Dieses Gefühl ist tief in unseren Herzen»

ST. GALLEN. Armenier, so heisst es, hätten traurige Augen. Weil sich der Völkermord nicht nur in ihrer Erinnerung eingebrannt habe, sondern die Trauer mittlerweile von Generation zu Generation über die Gene weitergegeben werde. «Dieses Gefühl ist tief in unseren Herzen», sagt Robert Virabyan.

Nina Rudnicki
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Der armenische Opernsänger Robert Virabyan im Theater St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

Der armenische Opernsänger Robert Virabyan im Theater St. Gallen. (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Armenier, so heisst es, hätten traurige Augen. Weil sich der Völkermord nicht nur in ihrer Erinnerung eingebrannt habe, sondern die Trauer mittlerweile von Generation zu Generation über die Gene weitergegeben werde. «Dieses Gefühl ist tief in unseren Herzen», sagt Robert Virabyan. Der Armenier lebt seit acht Jahren in der Schweiz. Im Theater St. Gallen singt er im Chor und als Solist, wie etwa in den Rollen des Alessio in der Oper «La Sonnambula» oder des Bretigny in «Manon». Und in der Tat sind auch seine Augen das erste, was einem beim Treffen in der Eingangshalle des Theaters St. Gallen auffällt. Gross, melancholisch und zugleich strahlend. «Offene Lebensfreude, das ist der grösste Unterschied zwischen Armenien und der Schweiz», sagt er. «Wann immer ich nach Armenien zurückgehe, bin ich erst einmal überfordert und fast erschlagen von all den Emotionen und der Offenheit.»

Im Alltag ein Tabuthema

Robert Virabyan, der fliessend Hochdeutsch spricht, hat sich mittlerweile an die distanzierte Mentalität der Schweizer gewöhnt. Das Land und seine Geschichte faszinieren ihn. Vor allem eine Person hat es ihm angetan: Jakob Künzler aus dem ausserrhodischen Hundwil. Der evangelische Missionar erlebte vor hundert Jahren den Völkermord an den Armeniern mit und zog mit 8000 armenischen Waisenkindern zu Fuss nach Syrien und nach Libanon. Jakob Künzler, Flucht und Genozid sind denn auch die Themen des Gedenkanlasses in der Kirche in Hundwil, an dem Robert Virabyan zwölf armenische Lieder singen wird (siehe Kasten). «Ich habe mir gewünscht, an diesem Anlass auftreten zu können, denn ich bin dankbar dafür, dass sich ein Schweizer so für mein Volk eingesetzt hat.»

In Armenien ist der Völkermord auch nach hundert Jahren ein sehr schmerzliches Thema. «Obwohl viele Eltern ihre Kinder nicht über den Genozid informieren und aufklären, liegt das Thema in der Luft. Jeder weiss Bescheid, auch wenn im Alltag niemand darüber spricht», sagt Robert Virabyan. Informationen, wie es seinen Vorfahren erging, hat der 39-Jährige keine. Seine Grosseltern waren damals noch nicht geboren. Und aus der Zeit ihrer Eltern hätten sie nie etwas erzählt.

Darüber, dass sich die Türkei noch immer weigere, den Völkermord an den Armeniern anzuerkennen, sagt Robert Virabyan: «Es braucht Gerechtigkeit. Ohne Anerkennung könnte sich so ein Verbrechen jederzeit irgendwo auf der Welt wiederholen. Er selber versuche als Christ zu leben und für die Menschen zu beten.

«Das einzige, was ich konnte»

Aufgewachsen ist Robert Virabyan in Jerewan, der Hauptstadt Armeniens. Hier hat seine Mutter entschieden, dass er wegen seiner schlechten Augen am besten Musiker wird und ihn schon als Primarschüler in den Violinunterricht geschickt. Später studierte er am Konservatorium in Jerewan Operngesang und bewarb sich anschliessend an der Zürcher Hochschule der Künste, um seine Stimme weiterzubilden. Seine Schwester unterstützte ihn dabei finanziell. Hinzu kamen verschiedene Nebenjobs und ein Stipendium. Viele von Robert Virabyans Freunden und Familienmitgliedern leben heute auf der ganzen Welt verteilt. «Durch die Geschichte sind die Armenier zu Lebenskünstlern geworden. Wir sind Kämpfer», sagt er. «Und egal wo auf der Welt ich einen Armenier treffe, so ist er meist sehr ehrgeizig und talentiert. Sei es in der Wissenschaft oder in der Kultur.»