«Diese Zustände will keiner mehr»

Das Drogenelend in der Stadt ist nicht mehr so sichtbar wie vor 25 Jahren, als die Stiftung Suchthilfe gegründet wurde. Ein Rückblick auf ein Vierteljahrhundert städtische Drogenpolitik und ein Ausblick aufs Jubiläumsprogramm.

Roger Berhalter
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Drogenelend im Jahr 1990: Das Bienenhüsli am Unteren Graben war einst Treffpunkt der Heroinsüchtigen. (Archivbild: Stadtpolizei)

Drogenelend im Jahr 1990: Das Bienenhüsli am Unteren Graben war einst Treffpunkt der Heroinsüchtigen. (Archivbild: Stadtpolizei)

Der Stiftung Suchthilfe geht die Arbeit auch 25 Jahre nach ihrer Gründung nicht aus. «Dank unserer Stiftung wurden Lösungen für die grossen Drogenprobleme gefunden», sagt Jürg Niggli, seit 20 Jahren Geschäftsleiter. «Heute haben wir eine beruhigte Situation im öffentlichen Raum.» Will heissen: Es gibt in der Stadt keine offenen Drogenszenen mehr, keine verwahrlosten Junkies, die auf offener Strasse zusammenbrechen, keine Heroinsüchtigen, die an einer Überdosis sterben.

Saubere Spritzen wurden zentral

Ende der 1980er-Jahre war das noch anders. Die Stadt hatte mit dem Bienenhüsli am Unteren Graben einen zentralen Aufenthaltsraum für Heroinsüchtige, später auch ein Fixerstübli (siehe Chronik). Die bestehenden sozialen Institutionen kümmerten sich um die Drogenabhängigen. Das ging so lange gut, bis Aids aufkam: Die Immunkrankheit verbreitete sich in der Drogenszene schnell. Saubere Spritzen und Kondome sowie deren Entsorgung wurden zum zentralen Thema. Vor diesem Hintergrund wurde 1990 die Stiftung «Hilfe für Drogenabhängige» gegründet. Träger waren die Stadt, der Kanton, die städtischen Kirchgemeinden und die Pro Juventute.

Heroin, Abfall und Fäkalien

Zunächst wurde das Drogenelend in der Stadt aber grösser. Das Bienenhüsli lockte Dealer und Drogensüchtige von weither an. Trotz Konsumverbot wurde Heroin gespritzt, es kam vermehrt zu Gewalt und medizinischen Notfällen – inmitten von Abfall und Fäkalien. «Weil diese Zustände niemand mehr will – auch die Süchtigen nicht –, braucht es die Stiftung Suchthilfe», sagt Jürg Niggli heute. Wobei sich die Aufgaben der Stiftung gewandelt haben. Längst geht es nicht mehr nur um die Süchtigen, sondern auch um ihr Umfeld. Beispiel dafür ist die aktuelle Kampagne «Die verlorenen Kinder», die sich an die Kinder abhängiger Eltern richtet.

Nicht mehr ansprechbar

Der Begriff der Sucht ist heute breit gefächert und nicht mehr auf Drogen beschränkt. In den 90er-Jahren stand noch klar das Heroin im Vordergrund. Heute zählen zu den «Klienten» der Stiftung auch gut zehn Spielsüchtige, Menschen mit Essstörungen sowie Eltern, deren Kinder vor lauter Videospielen kaum mehr ansprechbar sind. Neben diesen neuen Süchten brauche es aber die Heroin- und Methadon-Programme nach wie vor, sagt Jürg Niggli: «Ein kleiner Teil der Abhängigen schafft es nicht, abstinent zu leben.»

Heute umfasst die Stiftung Suchthilfe acht Betriebe: Die Fachstelle für aufsuchende Sozialarbeit ist im öffentlichen Raum präsent, die Suchtfachstelle unterstützt Süchtige und deren Angehörige, in den zwei medizinisch-sozialen Hilfsstellen werden Heroin und Methadon abgegeben, der Blaue Engel im Katharinenhof dient als Treffpunkt und der HIV-Prävention. Weiter führt die Stiftung die Gassenküche, einen psychiatrischen Dienst, die Wohngemeinschaft Arche sowie Arbeitsprojekte für Menschen mit Suchtproblemen.

Jürg Niggli Geschäftsleiter Stiftung Suchthilfe St. Gallen (Bild: Ralph Ribi)

Jürg Niggli Geschäftsleiter Stiftung Suchthilfe St. Gallen (Bild: Ralph Ribi)