«Diese Jahre fehlen mir»

In der 2. Liga gewinnt Steinach gegen Flawil mit 2:1. Ein Tamile spielt dabei eine gute Rolle. Purusoththaman Pirabakaran kam als Fünfjähriger mit seiner Mutter an den Bodensee.

Beni Bruggmann
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Steinachs Purusoththaman Pirabakaran bringt Flawils Goalie Ramon Bühler in Bedrängnis. (Bild: Michel Canonica)

Steinachs Purusoththaman Pirabakaran bringt Flawils Goalie Ramon Bühler in Bedrängnis. (Bild: Michel Canonica)

FUSSBALL. Purusoththaman Pirabakaran sagt: «Ennaku kalpandatam virupam.» Das ist tamilisch und heisst: «Ich liebe Fussball.» Er spielt rechter Aussenverteidiger beim FC Steinach. Seine Teamkollegen rufen ihn Puru, was wir gerne übernehmen. Auf die erste Frage antwortet er flüssig und in schönem Ostschweizer Dialekt: «Ich bin in Arbon aufgewachsen und nun in Romanshorn zu Hause.» Der Bodensee ist seine zweite Heimat.

Seine erste Heimat ist Sri Lanka. Dort ist er vor 24 Jahren geboren – in einem Land, das damals unter kriegerischen Auseinandersetzungen litt. Als Fünfjähriger flüchtet er zusammen mit der Mutter. Die Erinnerung an diese Zeit ist geprägt durch einen Satz: «Wir hatten Angst.» In Arbon ist die Familie Pirabakaran wieder komplett, denn der Vater lebt schon seit einiger Zeit in der Ostschweiz. Puru hat keine Angst mehr.

Ein junges Familienoberhaupt

Aber das Glück ist von kurzer Dauer. Der Vater stirbt, und Puru, der Älteste, übernimmt die Vaterrolle. Zwei jüngere Geschwister gehören zur Familie. «Meine Mutter spricht nicht deutsch. Deshalb erledige ich alles, was es für die Familie zu tun gibt», sagt Puru. Er vollendet mit der Zeit den Traum des Vaters: In Romanshorn beziehen die Pirabakarans ein eigenes Haus. Den fragenden Blick des Gegenübers bemerkt er sofort: «Ja, ich kann gut sparen. Ich rauche und trinke nicht. Ich gehe nicht in den Ausgang.» Er verdient sein Geld als stellvertretender Berufsbildner bei der Post.

In Arbon spielt der junge Puru Fussball. Auf dem Pausenplatz. Oder daheim mit einem aus Socken gebildeten Knäuel oder mit einem Tennisball. Ein Fussballclub ist für ihn lange kein Thema. Aber mit 16 Jahren wird er Junior beim FC Steinach. «Viel zu spät», sagt er, «talentierte Fussballer sind in diesem Alter schon perfekt ausgebildet. Diese Jahre fehlen mir. Aber ich bin jetzt bei Steinach in der zweiten Liga an einem guten Ort. Wir haben eine Super-Atmosphäre, sind eine Familie, und ich bin stolz, in dieser Mannschaft spielen zu dürfen.» Puru ist Stammspieler. Von den fehlenden Fussball-Lehrjahren bemerkt man im Spiel gegen Flawil überhaupt nichts. Im Gegenteil: Puru, ein Rechtsfüsser, spielt technisch sauber, wirkt leichtfüssig und nimmt seine Defensivaufgabe ganz unaufgeregt ernst. Er gewinnt immer wieder Zweikämpfe und begeht über 90 Minuten nicht ein einziges Foul, weil er so antrittsschnell ist. Mit dieser fairen Haltung passt er gut ins positive Bild, das der FC Steinach zurzeit abgibt: Vier Verwarnungen nach fünf Spielen, das ist Platz eins in der Fairnesstabelle.

Verteidiger mit Stürmerblut

Im Verteidiger mit der Rückennummer 31 pulsiert Stürmerblut. Bei jeder Gelegenheit schaltet er sich in den Angriff ein. Gibt es Eckball oder Freistoss, geht er, 1,83 m gross, stets in den Strafraum des Gegners. Auf diese Weise leitet Puru den Umschwung ein. In der 85. Minute prallt sein Kopfball nach einem Corner an den Pfosten, und Din Salihoviic trifft im Nachschuss zum Ausgleich. Vier Minuten später wagt Manuel Bellini einen Abschlussversuch, und Roger Scherrer fälscht den Ball so ab, dass er zum Siegtreffer im Tor landet.