Die Welt von unten sehen

Zwei Sonderausstellungen im Historischen und Völkerkundemuseum beleuchten den Alltag von Entwicklungshelfern und Baumwollpflückern – ein kritischer Blick auf unsere globalisierte Welt.

Urs-Peter Zwingli
Merken
Drucken
Teilen
Interaktive Geschichte: Der Historiker Thomas Gull (links) führt mit Museumsdirektor Daniel Studer durch «Die andere Seite der Welt». (Bild: Ralph Ribi)

Interaktive Geschichte: Der Historiker Thomas Gull (links) führt mit Museumsdirektor Daniel Studer durch «Die andere Seite der Welt». (Bild: Ralph Ribi)

Was auf der anderen Seite der Welt liegt, glauben wir, die Nomaden der Moderne, zu wissen – schliesslich sind weite Reisen erschwinglich und normal geworden. Doch was erfahren wir schon über menschliche Existenzkämpfe, wenn wir ein paar Wochen durch die Fremde reisen?

Krieg und Seuchen

Einen näheren Blick auf unsere globalisierte Welt ermöglichen zwei neue Sonderausstellungen im Historischen und Völkerkundemuseum: «Die andere Seite der Welt» zeigt die Geschichte der humanitären Schweiz seit 1945 auf. Und die Fotoausstellung «Cotton Worldwide» beleuchtet die Baumwollindustrie und ihre Verknüpfung mit St. Gallen.

«Die andere Seite der Welt» setzt den Trend fort, dass Ausstellungen in Museen vermehrt interaktiv gestaltet sind: In individuell auswählbaren Kurzfilmen erzählen Schweizer Mitarbeiter von humanitären Organisationen und Entwicklungshelfer von ihrer Arbeit auf der ganzen Welt.

Der Verein Humem, der die Wanderausstellung entwickelt hat, hat dafür 80 Schweizerinnen und Schweizer interviewt und so über 300 Stunden Filmmaterial gesammelt. «Wir haben die besten Geschichten daraus für die Ausstellung ausgewählt», sagt der Historiker und Filmjournalist Thomas Gull bei der Führung durch die Ausstellung, die aus Videowänden und Filmstationen besteht. Vor einer grossen Leinwand, dem Herzstück, können Besucher mittels Fernbedienungen abstimmen, welche Filmkapitel sie sehen wollen. «So entstehen spannende Debatten, welches Thema vertieft werden soll», sagt Gull. Die Ausstellung, ein gigantisches Oral-History-Projekt, tourt seit diesem Sommer durch die Schweiz. Ergänzend dazu referieren Mitarbeiter der Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (Deza) und von anderen humanitären Organisationen über ihre Arbeit in Kriegsgebieten, über Seuchenbekämpfung und über weitere Herausforderungen in der Fremde (siehe Kasten).

Harte Arbeit für T-Shirts

Die zweite Sonderausstellung «Cotton Worldwide» ist mit der ersten verknüpft, nähert sie sich doch der Welt mit einem Blick von unten an. Die Bilder des Fotografen Hans Peter Jost zeigen die harten Arbeitsbedingungen der Menschen, die Baumwolle produzieren – und welche ökologischen Probleme mit dem grossflächigen Anbau der Pflanze entstehen. Ergänzt werden die Schwarzweiss-Fotos durch Objekte aus dem Museumsarchiv. Diese zeigen die engen Beziehungen der Baumwollindustrie mit St. Gallen. Und anhand eines T-Shirts erfahren die Besucher anschaulich, dass viele Baumwollpflücker noch immer nur einen Bruchteil des Kaufpreises erhalten.