Die Weihnachtsüberraschung

Der Heilige Abend ist für Leute, die ohne ihre Liebsten feiern müssen, ein schwieriges Datum. Die Weihnachtsgeschichte von Justin Koller erzählt die Geschichte eines Sohnes, der aus Singapur anreist, seine Mutter im Altersheim besucht und dabei auf Kindheitserinnerungen trifft.

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Weihnachtsanhnger "Frohes Fest" (Bild: (44440262))

Weihnachtsanhnger "Frohes Fest" (Bild: (44440262))

Es schneite leicht, als er aus dem Bus stieg. Er war gespannt, wie er seine Mutter vorfinden würde. Letztes Jahr hatte er sie noch in ihrer Alterswohnung besucht. Vor oder auch nach Weihnachten flog er allein oder früher auch mit seiner Familie von Singapur in seine Heimatstadt, um seine Mutter zu besuchen. Sie bedauerte, dass er sie so selten besuchen konnte. Seit drei Monaten war sie im Altersheim. Nach ihrem Oberschenkelhalsbruch war sie nicht mehr in der Lage ihren Haushalt allein zu führen. Ihre Tochter – seine Schwester – war damals für eine Woche von Stockholm gekommen und hatte den Umzug organisiert. «Wir sind eine globalisierte Familie», hatte er schon zu Freunden gesagt.

*

Sie freute sich, dass er zum Weihnachtsessen ins Heim gekommen war. Und ihn lange an sich gedrückt. Kleiner ist sie geworden, dachte er, und machte ihr ein Kompliment über ihre langen weissen Haare, die sie nun offen trug. Sie schien ihm langsamer geworden in den Bewegungen und im Sprechen, durch die Narkose bei der Operation, so vermutete er. Nun sassen sie zusammen mit den andern Betreuten des Altersheims und den geladenen Gästen an der Weihnachtsfeier. Sich zu unterhalten war kaum möglich. Ein Weihnachtslied nach dem andern folgte auf den Liederreigen des Unterhaltungsduos mit Klavier und Panflöte. Dann die Ansprache der Heimleiterin und eine kurze Predigt des Heimgeistlichen, der selber Mitbewohner war. Der Sohn versuchte sich auf die Langsamkeit des weihnachtsseligen Rituals einzulassen. So wird es mir auch einmal ergehen, dachte er.

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Eine gespannte Erwartung lag in den Gesichtern. Kein Zweifel, die Heimleitung wollte den Pensionären einen tadellosen, alle beglückenden Heiligen Abend bieten. Die Tische waren hübsch dekoriert mit Teelichtern in goldgesprayten Gläsern, welche durch ihren Duft und ihre Wärme die Luft schwer machten. Sie hatten sich alle Mühe gegeben. Kein Mangel an nichts. Überall Schneestaub auf Ästen und Zweigen. Eine riesige Tanne und ein richtiger Wall von Geschenkpaketen, bunt eingepackt. Trotz allem – etwas fehlte. Er versank eine Weile in sich. Auf diesen Abend und die Begegnung mit seiner Mutter hatte er sich gefreut, auf ein ruhiges, vertrautes Gespräch. Dieses Lied, viel zu laut, sagte sie. Und die Panflöte, ja, sie hinkt schon wieder hinterher, bekräftigte er ihren Unmut.

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Die alte Frau schwieg. Konnte von den raren kurzen Wortwechseln, die möglich waren, kaum etwas verstanden haben. Der Abend mit dem Essen und den vielen Gängen wurde lang. Es war sie, die plötzlich vorschlug, auf ihr Zimmer zu gehen. «Dort können wir endlich miteinander reden.» Sie verabschiedeten sich mit einer Entschuldigung vom Tisch. Die Heimleiterin schaute erstaunt zu den beiden hinüber, als sie den Saal vorzeitig verliessen. Die Verteilung der Geschenke hatte ja noch gar nicht begonnen. Auf dem Weg zum Zimmer schlug sie vor, erst kurz nach draussen zu gehen. Es schneite noch immer. Die Bambuspflanzen in der Anlage neigten sich unter dem Schnee. Es könnte in Japan sein, dachte er. Schön, aber unvertraut. Auf die Frage, wie es ihr im Heim gefiele, antwortete sie nur unbestimmt und einsilbig. Was ihr dann fehle, fragte er nach. «Ich fühle mich nach drei Monaten immer noch fremd. Wenn du erleben könntest, was sie mit uns machen, würdest du das verstehen. Weisst du, wir haben es nicht schlecht. Doch ihr Hauptanliegen ist es, unsere Einsamkeit zuzudecken. Es ist sicher gut gemeint. Viele Anregungen dienen nur dem Zeitvertreib. Das Eigentliche kommt zu kurz.»

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Was das denn wäre, fragte er zurück. «Sich auf etwas freuen, noch etwas erwarten dürfen, sich noch gebraucht und durch eigene Leistung geschätzt vorkommen. Ich weiss erst jetzt, wie stark ich meine kleine Wohnung vermisse. Dort gab es immer etwas zu tun. Das gab mir Struktur. Ich fühle mich hier allein. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr so leicht. Das Sprichwort hat recht. Ich vermag auch nicht mehr, längere Zeit zu lesen. Ich spreche meine Gebete und denke an euch. Doch du und deine Schwester und die Enkel – ihr fehlt mir. Warum wohnt ihr nur so weit weg?»

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Er hatte schon darauf gewartet und sich zum voraus eine beruhigende Antwort zurechtgelegt. In ihren Worten hörte er einen Appell, wollte sich verteidigen. Doch sie schaute ihn nur kurz an und sagte mit einem ihn überraschenden Ton: «Komm, ich habe eine Überraschung für dich!» Sie schob ihm ihren Arm unter und so gingen sie zurück zum Lift. Er fühlte sich verlegen durch diese unerwartete Wendung. Seine neunzig Jahre alte Mutter zog ihn vorwärts, hatte plötzlich die Initiative an sich genommen und zeigte wieder ihre alte Tatkraft.

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Sie traten in ihr Zimmer. Es kam ihm kahl vor – so viel Vertrautes fehlte. Er hatte ja noch im Sommer bei seinem letzten Besuch die kleine Alterswohnung der Mutter gesehen. Sie war voll von Erinnerungen, Bildern und alten Stichen. Er dachte kurz daran, wo die wohl geblieben wären. Seine Schwester hatte das doch nicht alles entsorgen können. Doch, das gehörte zu ihrer Art. Sie wollte es leicht haben, die alten Sachen stören ja nur, für niemanden mehr interessant. Beim Auszug aus dem Elternhaus hatte sie viele Dinge ausgeräumt, für die er sich noch interessiert hätte. Alte Fotoalben oder eine Schachtel voll von Ansichtskarten. Doch es war seine Schuld – er konnte ja damals nicht herkommen.

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Was ihm zuerst auffiel, war ein kleiner roter Teppich unter der Fensterfront. Darauf war die Krippe aus seinen Kindertagen aufgebaut. Ohne weitere Worte wusste er, dass dies die Überraschung war. Die Mutter schaute ihn an und sagte nur: «Weisst du noch, den Stall hast du gebaut!» Er war berührt und er erinnerte sich wieder, wie er damals als Fünftklässler die Idee hatte, einen Stall für die Krippe zu bauen. Seine Grosseltern hatten ihre kostbaren alten Krippenfiguren der jungen Familie ihrer Tochter geschenkt. Sie waren aus hellem Holz geschnitzt. Ochs und Esel waren seine Lieblinge. Wenn er und seine Schwester das zugeteilte Ämtchen im Haushalt erledigt hatten, durften sie an den Tagen vor und nach den Festtagen mit ihnen spielen. Die Figur von Josef hatte er immer bewundert. Sein Mantel fiel ohne jede Falte bis zum Boden – es war richtig fein, ihm über den Rücken zu streicheln. Die Füsse jedoch sah man nicht, auch nicht bei Maria. «Damit die Figuren besser stehen», hatte die Mutter den Kindern erklärt. Es störte ihn aber, dass sie so platt abgeschnitten waren. Und das Jesuskind fand er mit seinen Erwachsenenaugen und aus der langen zeitlichen Distanz immer noch eigenartig. Es liegt doch komisch da, kam ihm erneut vor, breitet Tag und Nacht die Arme aus und hat ein so einfältiges Gesicht. «Wenn ihr brav gewesen seid, dürft ihr ein Strohhälmchen in die Krippe legen», spornte die Mutter damals ihre Kinder an. Seine grössere Schwester gewann den täglichen Wettbewerb, der unter den Geschwistern entstand, weitaus öfter als er. Sie war in seiner Erinnerung so brav, und es fiel ihr leicht, sich folgsam zu zeigen.

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Er galt immer als der verträumte kleine Bruder, weniger schnell als sie und nicht so bereitwillig. Ihm kamen die langen Streifzüge im Wald, dem Bach entlang wieder in den Sinn. Ich war eigentlich kein Einzelgänger, sinnierte er, aber ich war gerne allein und ich konnte mich gut beschäftigen. Das Wasser im Bach, wie es seinen Weg fand und im Herbst die farbigen Blätter faszinierten ihn. Noch heute streifte er gerne in der Natur herum. Und er erinnerte sich genau, wie er damals an einem schönen Tag Ende November sich entschlossen hatte, Rindenstücke und Moos zu suchen, um für die Krippenfiguren einen Stall zu bauen. Zu Hause hatte er nichts gesagt, weil er dachte, seine Mutter würde es ihm nicht erlauben. Und der Vater hatte kaum je Zeit. Für ihn war die Idee eines Stalles sozusagen zu einer inneren Verpflichtung geworden. Die Krippenfiguren brauchen doch einen Stall – für ihn war das klar und schon lange an der Zeit. Auf seinen Ausflügen hatte er sich gemerkt, wo er das benötigte Material finden konnte. Er füllte es in seinen mitgebrachten Rucksack und stellte auf einmal fest, dass es schon fast dunkel war.

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Auf seiner Suche hatte er das Zeitgefühl verloren. Es war bereits Nacht, als er zu Hause ankam. Seine Mutter schimpfte, weil er so gedankenlos und ohne etwas zu sagen abgehauen war. In ihren Augen war es wieder einmal typisch, der Träumer denkt nur und ohne Rücksicht auf andere an seine Ideen. Und sie verbot ihm, den Stall zu bauen. Es schmerzte ihn und tagelang war er bedrückt. Dabei hatte er doch etwas für die Familie tun wollen – der Stall wertet die ganze Krippe doch auf. Nach einigen Tagen und inständigem Betteln erlaubten es die Eltern doch. Sein Vater half ihm dabei und es wurde ein schöner Weihnachtsabend.

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Die Geschichte war ihm wieder in den Sinn gekommen. Und auch die Gefühle von damals. Er schaute zu seiner Mutter. Nun war es umgekehrt. Sie war schwach, brauchte ihn, und er kam sich als erwachsener Sohn in ihrer Nähe kraftvoll und mitten im Leben vor. Und er spürte, wie ihre Kraft wieder auflebte. Er wusste, sie fühlte sich wieder gebraucht. Sie konnte jemandem etwas zuliebe tun. Sie war für diesen Abend wieder zur Mutter geworden, welche die Überraschung in den Augen ihres Sohnes sehen wollte. Sie war stolz auf ihn. Und seine Gefühle über diese alte Geschichte waren sofort weggewischt. Es berührte ihn. «Mutter», sagte er, «diese Überraschung ist dir wirklich gelungen». Er nahm sie in die Arme und sie hielten sich lange.

Plötzlich war es da, das Weihnachtsgefühl.

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