Die Urne mit Blick auf den See

Das zerstörte Mausoleum eines seltsamen Menschen ist getreu dem Willen seines Testaments erneuert worden. Der 1907 ermordete Albert Eugen Rätzer hatte einen Invalidenfonds gestiftet, der auf über fünf Millionen angewachsen ist.

Otmar Elsener
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Getreu dem Willen Rätzers bietet sich von seinem Mausoleum aus ein einzigartiger Blick über den Bodensee. (Bilder: Otmar Elsener)

Getreu dem Willen Rätzers bietet sich von seinem Mausoleum aus ein einzigartiger Blick über den Bodensee. (Bilder: Otmar Elsener)

THAL. Es sind die Tage um Allerheiligen, an denen in den Friedhöfen die Gräber der Verstorbenen besucht werden. Kaum jemand hingegen wird beim Campingplatz Schöne Aussicht ein kleines Mausoleum aufsuchen, das die Eidgenossenschaft einst für einen etwas eigenartigen Toten errichten liess. Hundert Jahre lang stand die Urne mit der Asche dieses Toten im zierlichen Mausoleum, bis sie vor fünf Jahren von ihrem Sockel gestürzt wurde. Unbekannte Vandalen hatten wie einst die Grabräuber in der Antike Schmuck oder Wertsachen in der kunstvollen Urne vermutet, diese zerbrochen und die Asche und Knochenteile auf dem Boden verstreut.

Seltsamer Mensch

Albert Eugen Rätzer, ein Geschäftsmann und Querulant, der mit der ganzen Welt in Fehde lebte und überall mit den Behörden prozessierte, war 1907 in seinem Schloss Güttingen ermordet worden. In seinem Testament hatte er sein ganzes, für die damalige Zeit beträchtliches Vermögen von 300 000 Franken nicht seinen ärmlichen Geschwistern, sondern der Eidgenossenschaft vermacht und verlangt, dass damit ein Invalidenfonds errichtet werde zur «Unterstützung von Wehrmännern, die im Kampf mit äusseren Feinden verwundet werden». Rätzer hatte dem Bund bei Annahme des Erbes eine eigenartige Verpflichtung vorgeschrieben: Für die Aufbewahrung seiner Asche in einer mit einem Glasauge zu versehenden Urne sei auf einem Hügel zwischen St. Margrethen und Rorschach mit Ausblick auf den See ein «nicht zu grosses» Denkmal zu erstellen. Den Blick auf den See wünschte er, weil er einige Jahre in Nonnenhorn am deutschen Ufer gelebt hatte. Die Nonnenhorner hatten ihm in Erwartung eines Erbes sogar einen Gedenkstein gesetzt. Schrullig wie er war, bedachte er sie im Testament mit keinem Wort. Die Eidgenossenschaft nahm das Erbe an und beschloss, Rätzers Willen wortgetreu zu erfüllen.

Ein Denkmal mit Aussicht

Der Bund kaufte unterhalb des Schlosses Wartensee auf Gebiet der Gemeinde Thal hart an der Grenze zu Rorschacherberg 80 Quadratmeter Land und belegte das die Parzelle umgebende Land mit Bauverboten, um die von Rätzer gewünschte Aussicht zu gewährleisten. Für 7000 Franken wurde ein graziles Gebäude erstellt. Abseits von Wohnbauten und Verkehr wurde das Denkmal von der Öffentlichkeit kaum beachtet und obwohl jahrzehntelang sorgsam gepflegt mit der Zeit auch vom Bund vernachlässigt. Erst nach Berichten des Tagblatts (siehe Ausgaben vom 20. und 22. Mai 2009) über die Geschichte des Mausoleums und die Zerstörung der Urne wurde die Bundesverwaltung auf die Schäden auf ihrem kleinen Grundstück aufmerksam. In Bern mahlen die Mühlen bekanntlich langsam und es dauerte, bis das für das Mausoleum zuständige Amt tätig wurde.

Abreissen oder renovieren?

Vorerst ging es darum, abzuklären, ob denn der Wille des Testators nach über 100 Jahren noch einzuhalten war, schliesslich war doch Rätzers Wunsch erfüllt worden. Man sprach von Abreissen des Monuments oder Ersetzen mit einem beschrifteten Gedenkstein inmitten von 80 Quadratmeter Rasenfläche. Die kantonale Denkmalpflege hingegen fand, dass man das Gebäude erhalten sollte und da ja der Fonds inzwischen auf über fünf Millionen angewachsen war, entschied man sich, für eine Erneuerung etwas Geld locker zu machen.

Der Rorschacher Architekt Roberto Togni wurde beauftragt, verschiedene Projekte auszuarbeiten. Gewählt wurde eine unterhaltsarme Ausführung, keine Bepflanzung mit Ausnahme eines einzigen Baums. Dem stark verwitterten Gebäude wurde ein neues Kupferdach mit Wasserspeiern aufgesetzt, für den Rorschacher Spenglermeister Beat Mayer eine einmalige Spenglerarbeit. Mit den Bildhauerarbeiten wurde der Thaler Simon Weber betraut. Zudem beschliff er die Lorbeerblätterverzierungen und frischte die 100jährige Goldschrift auf. Die nach dem Vandalenakt im Krematorium St. Gallen gesicherte Asche mit den Knochenteilen Rätzers ist wieder in der stilgerecht renovierten Vase aufbewahrt, die auf dem Sockel im Zentrum des Gebäudes steht. Die ganze Anlage ist mit Kies und Granitsteinen belegt und mit neuen Betonmauern und Gittern umfasst.

Gedenktafel soll informieren

Der Verwaltungsrat des Eidgenössischen Sozialfonds für Verteidigung und Bevölkerungsschutz, dem auch der Rätzer-Fonds angegliedert ist, traf sich am vergangenen Donnerstag in Rorschach zu einer Begehung des Mausoleums. Die Bauabnahme durch die Verantwortlichen der Armasuisse war bereits im Juni erfolgt. Der Besitzer des Campingplatzes «Schöne Aussicht», René Sieber, dessen Mutter die Anlage jahrelang pflegte, übernahm vom Fondsrat die Aufgabe, die Gedenkstätte für Albert Rätzer in Zukunft zu überwachen. Ein Wanderweg führt von der Haltestelle Wartensee unweit des Mausoleums vorbei. Wanderer sind eingeladen, die denkmalgeschützte Anlage zu besichtigen. Geplant ist noch das Anbringen einer Gedenktafel, die Besuchern erklären soll, wie und warum es zum Bau dieses Denkmals kam. Ein Besuch lohnt sich, allein der Blick von den steinernen Sitzbänken hinweg über den ganzen Bodensee ist einzigartig.

Vandalen zertrümmerten und stürzten die Urne Rätzers; Asche und Knochenteile lagen verstreut auf dem Boden.

Vandalen zertrümmerten und stürzten die Urne Rätzers; Asche und Knochenteile lagen verstreut auf dem Boden.

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