Die «unteren Stände» leiden Not

Der Erste Weltkrieg stoppte 1914 die wirtschaftliche Blüte der Textilmetropole St. Gallen. Was zu grossen sozialen Problemen führte. In Erwartung eines kurzen Kriegs wurde zur Sicherung der Versorgung wenig vorgekehrt. Was 1914 und 1915 noch kaum Folgen zeitigte.

Reto Voneschen
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Die Bemühungen zur Verbesserung der Versorgung als Kunstmotiv.

Die Bemühungen zur Verbesserung der Versorgung als Kunstmotiv.

Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer vor 100 Jahren überraschte nicht nur die meisten Zeitgenossen, auch die Behörden in Stadt und Kanton St. Gallen waren dafür schlecht gerüstet. Aufgrund der raschen Vorstösse und Siege der Achsenmächte Deutschland und Österreich erwartete man aber grossmehrheitlich einen kurzen Krieg, dem ein erneuter Wirtschaftsaufschwung folgen sollte. Womit die Notwendigkeit rascher und tiefgreifender Massnahmen gegen die soziale Not und zur Sicherung der Versorgung nicht wirklich dringend erschien.

Soldatenfamilien ohne Lohn

In Not gerieten mit Kriegsausbruch und Generalmobilmachung ab Anfang August rasch jene Arbeiterfamilien, die ohne Erspartes und plötzlich ohne Einkommen waren, weil die Männer «an der Grenze» standen. Automatischen Lohnersatz für die Familien von Soldaten gab es damals nicht, wie Max Lemmenmeier in seiner HSG-Vorlesungsreihe über Stadt und Kanton vor 100 Jahren darlegte. Die damalige Militärorganisation sah zwar Notunterstützung für bedürftige Angehörige von Soldaten vor. Sie war Sache der Gemeinden, verursachte diesen Kosten und die Umsetzung war nicht wirklich vorbereitet.

In der Stadt St. Gallen wurde die Unterstützung für bedürftige Familien von Soldaten auf zwei Franken pro Tag für die Ehefrau und auf siebzig Rappen pro Kind und Tag festgelegt. Der Kanton St. Gallen rief seine Gemeinden in einem Kreisschreiben dazu auf, die Unterstützung «aufs Allernotwendigste» zu beschränken. Was Kritik von Gewerkschaften und Sozialdemokraten auslöste. Sie hatten sich bei Kriegsausbruch hinter die Landesverteidigung gestellt. Dies gemäss Max Lemmenmeier aber in der Erwartung, dass im Gegenzug durch den Krieg verursachter soziale Nöte gelindert würden. Nach dem Motto: «Einer für alle, alle für einen!»

Überforderte Behörden

In der Stadt St. Gallen meldeten sich rasch nach Kriegsausbruch 214 Familien mit insgesamt rund 500 Kindern für die Notunterstützung an. Eine erste Reaktion darauf war die öffentliche Erklärung der Verantwortlichen, dass man jedes Gesuch gründlich prüfen werde, damit ja niemand ungerechtfertigt öffentliche Gelder beziehe. An die Berechtigten wurden ab dem 20. August 1914 Gutscheine ausgegeben, die in der Volksküche am Gallusplatz oder in der Kaffeehalle in der Goliathgasse, später auch bei Geschäften eingelöst werden konnten.

Die Notunterstützung abholen konnte man – dem Familiennamen nach alphabetisch geordnet – an zwei Nachmittagen pro Woche. Der erste Nachmittag war für A bis M, der zweite Nachmittag für N bis Z reserviert. Die damals noch eigenständigen politischen Gemeinden Straubenzell und Tablat organisierten sich ähnlich. Viele der Betroffenen empfanden die Art und Weise demütigend, wie die Unterstützung abgewickelt wurde.

Arbeitslosigkeit nimmt zu

Ein anderes Problem im August 1914 war das Anwachsen der Arbeitslosigkeit. In St. Gallen wurden Mitte August 1914 1250 Arbeitslose gezählt; Ende des Monats waren es schon 1600. An einer Versammlung der Arbeiterunion vom 28. August 1914 im «Schützengarten»-Saal nahmen 1000 Personen teil. Dort wurde festgestellt: «Am meisten leiden die unteren Stände, welche von der Hand in den Mund leben.» Bereits am 22. August hatten die Mieter getagt: Sie forderten, dass bedürftigen Mietern die Zahlungen gestundet und Massnahmen zu ihrer Entlastung getroffen würden. In der Folge bauten Gewerkschaften und andere Gruppen – wie etwa die Frauenhilfe – Unterstützungsangebote auf, die unter anderem die Ernährung sichern sollten. Darunter waren Volks- und Suppenküchen, aber auch Hilfsaktionen für Soldaten.

Versorgung normalisiert sich

Im August 1914 kam es aufgrund von Hamsterkäufen zuerst auch in St. Gallen zu Versorgungsengpässen. Das veranlasste die Stadt Ende August drei Wagenladungen Kartoffeln zu beschaffen, die zu Spezialkonditionen abgegeben werden sollten. Das Ganze war schlecht organisiert: Es kam zu einem Volksauflauf und schliesslich war zu wenig Ware vorhanden.

Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln normalisierte sich für jene, die Einkommen hatten, im August 1914 relativ schnell. Dies, weil das noch nicht in den Krieg verwickelte Italien die Zufuhren in die Schweiz garantierte. Erst ab Ende 1916 kam es dann zu einer landesweiten Versorgungskrise, auf die mit einer Intensivierung des Anbaus und ab März 1917 mit Rationierungen reagiert wurde.

Auch das 154. Neujahrsblatt des Historischen Vereins ist dem Ersten Weltkrieg gewidmet. Es wird morgen Mittwoch, 18.15 Uhr, in der Hauptpost (Raum für Literatur, St. Leonhard-Strasse 40) öffentlich vorgestellt.

Mittagsverpflegung in einer provisorischen Basler Volksküche. (Bilder: Via Max Lemmenmeier)

Mittagsverpflegung in einer provisorischen Basler Volksküche. (Bilder: Via Max Lemmenmeier)

Abholen des Mittagessens in einer Zürcher Suppenküche.

Abholen des Mittagessens in einer Zürcher Suppenküche.

Bild: RETO VONESCHEN

Bild: RETO VONESCHEN