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Die Treue der «Stoffelianer»

Vor dreissig Jahren schloss die Firma Stoffel das Haus Washington, ihren Hauptsitz in St. Gallen. Etwas später legte sie auch ihre letzten Fabriken in der Schweiz still. Doch die «Stoffelianer» treffen sich noch immer regelmässig.
Josef Osterwalder
Mit der Firma Stoffel in der Erinnerung noch immer verbunden: Hedy Manser (rechts) und Lisa Brahimi-Löhrer, im Treppenhaus des Hauses Washington, dem frühern Stoffel-Hauptsitz. (Bild: Ralph Ribi)

Mit der Firma Stoffel in der Erinnerung noch immer verbunden: Hedy Manser (rechts) und Lisa Brahimi-Löhrer, im Treppenhaus des Hauses Washington, dem frühern Stoffel-Hauptsitz. (Bild: Ralph Ribi)

Das Haus Washington steckt für «Stoffelianerinnen» voller Erinnerungen. «Hät nöd de Chef grüeft?», scherzt Hedy Manser, als sie nach langen Jahren wieder einmal im Treppenhaus des Jugendstilgebäudes steht, dort, wo sie 1958 ihre Arbeitsstelle angetreten hatte. «Vielleicht war es auch die Bürlifrau!», neckt sie ihre Kollegin, Lisa Brahimi-Löhrer, die hier 1962 die KV-Lehre begonnen hatte. Anlass des Kurzbesuches im Hause Washington ist das bevorstehende Ehemaligentreffen vom 17. Februar. Da nimmt es die beiden frühern Stoffel-Angestellten wunder, was aus «ihrem» Geschäftshaus geworden ist, das von der heutigen Besitzerin, der Helvetia, nach allen Regeln der Kunst saniert worden ist.

Das Flaggschiff

Neunzig Jahre lang war das Haus Washington ein Flaggschiff der Textilindustrie. 1892 erbaut diente es zuerst der Firma Iklé, später als Hauptsitz der Firma Stoffel. Diese war zunächst ein Handelshaus, kaufte dann nach und nach verschiedene Fabriken auf, bis sie alle Produktionsstufen unter einem Firmendach vereinigte: Zwirnen, Weben, Ausrüsten. In der Nachkriegszeit setzte sich Stoffel an die Spitze der schweizerischen Baumwoll- und damit auch der Schweizer Textilindustrie, wie die NZZ 1961 in einem Firmenbericht bilanzierte. Damals zählte Stoffel 1700 Arbeiterinnen und Arbeiter in den Fabriken und 500 Angestellte in der Administration, 250 am Hauptsitz in St. Gallen. Auf dem Höhepunkt wurde der grössere Teil der ersten Etage des östlichen Nachbarhauses der Winterthur Unfall zugemietet, das «WU-Hus», wie es die «Stoffelianer» nannten.

Goldene Zeiten

Jene Jahre gehörten zum goldenen Zeitalter der Stoffel AG: Mit grosser Achtung erzählt Hedy Manser, wie Max Stoffel als Patron die Firma führte, eine Respektsperson mit bestimmtem Auftreten, aber sozialer Ader. Auch Lisa Brahimi erinnert sich noch an den grosszügigen Geist, der in der Firma herrschte: Grillabende im Hof, ein grosses Fest in der Olma-Halle, ein Personalabend im Trischli oder die legendäre 170- Jahr-Feier an den Gestaden des Bodensees.

Als das Haus Washington zwischen 1986 und 1988 durch die heutige Besitzerin, die Helvetia, innen renoviert wurde, hat man Schicht um Schicht der Übermalungen abgetragen, bis man auf den ursprünglichen Farbgrund kam. Genau so geht es den beiden «Stoffelianerinnen», wenn sie ihre Erinnerungen wachrufen. Die ursprünglichen Schichten waren die schönsten. Zur Firmenkultur gehörte damals die Pflege des Sports. Verschiedenste Clubs entstanden, vom Fussball bis zum Tennis; für letzteres stellte Max Stoffel seine eigene Halle zur Verfügung. Sport gab jenen Kitt, der die «Stoffelianer» auch in stürmischeren Zeiten zusammenhalten liess.

Andere Sitten

Als 1966 die amerikanische Firma Burlington die Stoffel AG übernahm, kehrten im Haus Washington rauhere Sitten ein. Erzählt wird von einem Manager in karierten Hosen, der die Füsse auf den Schreibtisch streckte, herumbrüllte und einmal sogar auch mit Bleistiften nach der Sekretärin warf.

Acht Jahre später wurde Stoffel an Legler verkauft, was zu gesitteteren Umgangsformen führte, aber die allmähliche Stilllegung der Fabriken auch nicht verhindern konnte. 1982 war das Stammhaus an der Reihe, 1995 die letzte noch in Schmerikon betriebene Weberei.

Geblieben ist nebst den Erinnerungen auch das Stoffel-Lied. In seiner letzten Strophe spricht es von den legendären «Stoffeli», den feingewobenen Tüchlein, mit denen man sich auch mal eine Träne aus den Augen wischen kann. Die «Stoffeli» dürften beim Erinnerungstreffen wohl nicht ganz unnötig sein.

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