Die SVP beisst in den Wahl-Apfel

Steinachs Hauptstrasse ist menschenleer. Bis auf zwei orange-weisse Warndreiecke mit blinkenden Warnlampen, die an der Ortseinfahrt und auf Höhe des Hafens am Strassenrand stehen, von je einem Feuerwehrmann bewacht.

Rudolf Hirtl und Corina Tobler
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Welche Freiheit die SVP anstrebt, weiss vermutlich nur der Apfel. (Bild: Rudolf Hirtl)

Welche Freiheit die SVP anstrebt, weiss vermutlich nur der Apfel. (Bild: Rudolf Hirtl)

Steinachs Hauptstrasse ist menschenleer. Bis auf zwei orange-weisse Warndreiecke mit blinkenden Warnlampen, die an der Ortseinfahrt und auf Höhe des Hafens am Strassenrand stehen, von je einem Feuerwehrmann bewacht. Ja, liebe Leserinnen und Leser, nach den zwei Wochen mit Bränden in Horn und Rorschach lodert in Steinach das nächste Feuer.

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Ein politisches. Denn auf dem Hafengelände findet der Auftakt zu den eidgenössischen Wahlen der SVP Kanton St. Gallen statt. In Anwesenheit aller National- und Ständeratskandidaten und inklusive Referat von «Weltwoche»-Chefredaktor Roger Köppel. Kein Wunder also, sind die Strassen im Dorf wie ausgestorben. Wenn die SVP und zur gleichen Zeit das St. Galler Fest rufen, fällt der Abendspaziergang am See aus. Wenn, dann kommen die Leute per Auto. Und wer könnte brenzlige Parkfragen besser lösen als die Feuerwehrleute, als Verkehrslotsen im Einsatz? Da muss sich sogar Roger Köppel rechtfertigen, um an bester Lage direkt vor dem Zelt parken zu dürfen.

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Apropos brenzlig. Spätestens beim inbrünstigen Singen des Schweizerpsalms, dafür haben sich die Leute im vollen Festzelt erhoben, wird das SVP-Feuer hör- und spürbar. Dagegen ist auch überhaupt nichts einzuwenden. Im Gegenteil. Man darf stolz sein auf die Schweizer Heimat, ihre demokratische Struktur, ihr humanitäres Engagement, ihre wunderbare Kultur und ihre funktionierende Multikulti-Gesellschaft in vier Landesteilen. Da kann man sich auch durchaus mit den auf den Tischen stehenden SVP-Äpfeln anfreunden, die den Slogan «Frei bleiben!» tragen. Denn die genannten Werte zu erhalten, ist ein ehrenwertes Ziel. Der Biss in den knackigen Apfel bleibt den Schreibenden aber buchstäblich im Hals stecken, als sie von einem altgedienten SVP-Politiker aufgefordert werden, die Petition «Keine Verlängerung der Aufenthaltsbewilligung für die nicht integrierbare Familie aus St. Margrethen» zu unterschreiben. «Tut mir leid. Ich bin Ausländer. Ich darf nicht», sagt einer der Schreibenden; erleichtert, eine Ausrede zu haben. Er witzelt, ob er das Land auch verlassen verlassen müsse. «Sie sind fleissig und arbeiten, Sie dürfen bleiben.» Der Austausch ist scherzhaft. Doch die Frage bleibt: Was nützt der Apfel der Freiheit, wenn diese Freiheit nicht allen gilt?