Die Stadt St. Gallen leert sich

Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliessen die zahlreich hier arbeitenden Ausländer die Textilstadt St. Gallen scharenweise. Ein Teil tat das freiwillig. Andere wurden abgeschoben.

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Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs verliessen die zahlreich hier arbeitenden Ausländer die Textilstadt St. Gallen scharenweise. Ein Teil tat das freiwillig. Andere wurden abgeschoben.

Freiwillig gingen deutsche und österreichische Wehrpflichtige. Sie meldeten sich in ihrer Heimat zum Kriegsdienst. Das war für die meisten in der herrschenden patriotischen Hochstimmung selbstverständlich.

Zu Tausenden ausgeschafft wurden dagegen Italienerinnen und Italiener. Darunter auch Schweizerinnen, die einen Italiener geheiratet hatten. Diese Migranten hatten keine Arbeit und keinen Verdienst mehr. Italien kam für sie nicht auf, daher wurden sie abgeschoben. In der Stadt gab's aufgrund des Elends dieser Bevölkerungsgruppe Mitleid, anderseits waren viele froh, dass diese Fremden weg waren.

Mit der Generalmobilmachung verliessen Anfang August auch sehr viele St. Galler Männer ihre Stadt. Das und die heftig brodelnde Gerüchteküche habe bei den Zurückbleibenden Unsicherheit ausgelöst, schilderte Max Lemmenmeier in seiner öffentlichen Vorlesungsreihe an der Universität. In der Lage wurde ab dem 4. August eine «freiwillige Bürgerwehr» gegründet, die das kleine Polizeikorps durch Patrouillengänge und Wachposten entlasten sollte. Gesucht wurden dafür «gutbeleumdete Schweizer Bürger aus allen Altersklassen, welche mit der Ordonnanzwaffe vertraut sind». Der «unbezahlte Ehrendienst» wurde nur für kurze Zeit geleistet. Schon am 21. September 1914 wurde die Bürgerwehr mit der Rückkehr vieler vorübergehend entlassener Soldaten wieder aufgelöst. (vre)