Die Stadt hat Bauland der Zukunft

REGION. Die Zersiedelung wird gebremst. Anstelle von neuem Bauland im Grünen müssen Gemeinden künftig grössere bereits überbaute Gebiete anders nutzen. Dafür hat in der Seeregion die dicht überbaute Stadt Rorschach am meisten Potenzial.

Fritz Bichsel
Drucken
Teilen
Längerfristig ist die Überdachung des Hauptbahnhofs in Rorschach-Rorschacherberg denkbar: Für ein Quartier über bereits genutztem Boden. (Bild: Fritz Bichsel)

Längerfristig ist die Überdachung des Hauptbahnhofs in Rorschach-Rorschacherberg denkbar: Für ein Quartier über bereits genutztem Boden. (Bild: Fritz Bichsel)

Das neue Raumplanungsgesetz schränkt die Einzonung von Bauland ein. Im Kanton St. Gallen wird gestritten, ob für hohes oder mittleres Wachstum von Bevölkerung und Betrieben geplant werden soll. Linke Parteien streben dazu eine Volksabstimmung an.

Aus für Autobahntunnel

Für die Zukunft müssen sich die Gemeinden jedoch so oder so auf geringere Zunahme des Baulandes einstellen. Das zwingt zu Verdichtung des bestehenden Siedlungsgebietes. Rorschacherberg hatte Anlauf genommen, mit einem Tunnel Bauland über dem Abschnitt der Autobahn im Gebiet Steig nutzbar zu machen. Das wäre nur finanzierbar mit viel neuem Bauland auch in der Umgebung – die nicht mehr durch Autobahnlärm beeinträchtigt würde – und einem Millionenbeitrag der Gemeinde. Weil die Kosten mit neuen Sicherheitsvorschriften noch weiter stiegen, legte der heutige Gemeinderat das Vorhaben auf Eis.

Im Auftrag des Bundesamtes für Wohnungswesen untersuchten Ingenieurbüros jetzt das Potenzial für doppelte Nutzung von Autobahnabschnitten in der ganzen Schweiz. Sie gehen davon aus, dass die Gesetzgebung kaum mehr neues Bauland in der Umgebung ermöglicht, also nur die Fläche direkt auf Autobahntunnels gewonnen würde. Ihre Berechnungen anhand von Lage, Bevölkerungsentwicklung, Bauzone oder Preisniveau für Bauland und Wohnraum zeigen: Solche Tunnels wären fast nirgends ein Geschäft. Finanzierbar wären Projekte in Zürich und Lausanne, die mit Ratings von 4,50 und 4,47 bewertet sind. Für das Vorhaben in Rorschacherberg kommen die Fachleute auf ein Rating von 3,06 – im unteren Mittelfeld. Selbst bei sehr hoher Ausnützung des Baulandes wäre ein Tunnel hier ein riesiges Defizitgeschäft. Diese Idee dürfte auf absehbare Zeit gestorben sein.

Dafür den HB überdachen?

Eher denkbar ist die doppelte Nutzung einer andere Verkehrsfläche in unserer Region: Das weite Areal des Hauptbahnhofs – zum grösseren Teil in Rorschach, zum kleineren in Rorschacherberg – könnte überdacht werden. Ein Tunnel mit teuren Sicherheitsanlagen wäre nicht nötig; die Anlage könnte Richtung See offen bleiben. Trotzdem lägen die Kosten sehr weit über den heutigen Baulandpreisen. Bei der Idee «Swiss Marina» war ein HB-Dach als Bauland auf gut 20 000 Franken pro Quadratmeter geschätzt. Es hätte dann Hochhäuser tragen können. Für übliche Wohnbauten müsste weniger massiv gebaut, aber immer noch mit etwa der Hälfte dieser Kosten gerechnet werden.

Die alte Idee des heutigen Stadtpräsidenten Thomas Müller, den Hauptbahnhof doppelt als Bauland zu nutzen, bleibt also noch Zukunftsmusik.

Alte Quartiere neu bauen

Aktueller ist der Ersatz alter Gebäude. In Rorschach sind solche Umnutzungen in jüngerer Zeit erfolgt für Post, Migros, Stadtwald-Hochhäuser oder Teile des Würth-Komplexes und im Gang für Regatron-Betriebsbau, Wohn- und Geschäftshäuser anstelle der Brauerei, Mode Weber oder Wohnhaus Seehof. Goldach hat ein Projekt dieser Art für Wohn- und Geschäftshäuser im Zentrum. In Rorschach bieten sich weitere Areale an: um den künftigen Bahnhof Stadt.

Denkbar ist zudem, ganze Quartiere neu zu nutzen. In der Region hat auch dafür Rorschach das grösste Potenzial: Weite Teile der unteren Stadthälfte sind alt, aber nicht historisch, womit sie ersetzt werden können. Wenn Siedlungen nicht mehr im Grünen entstehen dürfen, wird das für Investoren interessant. Sie haben jedoch Mühe, Quartiere zu kaufen, weil die Häuser oft vielen Eigentümern mit unterschiedlichen Absichten gehören.

Aktuelle Nachrichten