Die Stadt der 500 000 Überwachungskameras

London. Wie schaffe ich es am besten ins Fernsehen? Die Frage ist aktueller denn je, das zeigt der Kandidatenzulauf bei immer verrückteren Castingshows. Doch nach einem halben Jahr in London weiss ich: Diese Formate sind völlig überflüssig.

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Londons Bevölkerung wird auf Schritt und Tritt beobachtet. (Bild: Corina Tobler)

Londons Bevölkerung wird auf Schritt und Tritt beobachtet. (Bild: Corina Tobler)

London. Wie schaffe ich es am besten ins Fernsehen? Die Frage ist aktueller denn je, das zeigt der Kandidatenzulauf bei immer verrückteren Castingshows. Doch nach einem halben Jahr in London weiss ich: Diese Formate sind völlig überflüssig. Für eine Karriere am Bildschirm reicht es, sich hier vor die Haustür zu begeben. CCTV heisst die Zauberformel. Closed Circuit Television soll den Londonern nebst TV-Karriere vor allem Sicherheit garantieren, und zwar im grossen Stil. Politiker David Davis schätzte 2008, es gebe im Land pro 14 Einwohner eine Kamera. Das bedeutet: Egal ob beim Warten am Lichtsignal, im Laden oder in der Tube, «for your safety and security, CCTV is in operation». Die Ankündigung ist omnipräsent. Und völlig unnötig, denn die Kameras sind kaum zu übersehen. Wer etwa in King's Cross, einem der grössten Bahnhöfe, die Rolltreppe hochfährt, starrt in rund zwanzig Objektive. Hoffentlich sitzt die Frisur, denkt sich wohl meine eben fertig geschminkte Sitznachbarin im Zug, die vor dem Aussteigen noch einen Blick in den Spiegel wirft. Für uns CCTV-Stars gibt's nämlich kein Casting, alle müssen vor die Linse.

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Grosse Probleme mit der ständigen Überwachung scheint aber niemand zu haben. Die Aufschaltung einer Webseite der Polizei (www.police.uk), die es erlaubt, jedes Verbrechen fast auf die Hausnummer genau zu orten, hat kaum Kritik ausgelöst, sondern für riesiges Interesse und den Absturz der Homepage gesorgt. Während in Goldach oder Rorschach die mögliche Installation von Kameras am Bahnhof für Diskussionen sorgt, herrscht in England längst ein Kamera- und Sicherheitswahn. So fragt sich ausser mir auch niemand über den Sinn der nicht ein oder zwei, sondern zehn (!) Kameras im Doppeldecker-Bus. Naja, wenigstens gibt es beim Betreten des Busses (noch) keine Taschenkontrolle. Fast jedes grössere öffentliche Gebäude führt hingegen solche durch. Mittlerweile dürfte das gesamte Sicherheitspersonal der British Library wissen, wie mein Laptop aussieht. Und dass ich höchstens ein Sandwich, aber keine Bombe im Handgepäck mitführe. Die Angst davor ist aber besonders im Zentrum gross. Das ist zwar verständlich, denkt man etwa an das Attentat auf Busse und Tube im Juli 2005 zurück, aber auch lästig. Ein Beispiel: In der Innenstadt herrscht akuter Abfallkübelmangel. Dies hat nichts damit zu tun, dass die Londoner keinen Abfall produzieren, sondern damit, dass sie Kübel als potenzielle Bombenbehälter betrachten. Kübelfreie Zone sind vor allem die Bahnhöfe, das lernte ich schnell – das heisst nach zehnminütigem Bahnhofrundgang und wohl etwa vierzig TV-Auftritten mit Sandwichpackung und PET-Flasche in der Hand und suchendem Blick in den Augen.

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Wer mich dabei wohl beobachtet hat? Jemand muss ja Big Brother spielen und die Bilder der rund 500 000 Kameras ansehen. Vielleicht versteckt sich ja hinter den CCTV-Kameras eine geniale Strategie der Politiker, das Land aus der Wirtschaftskrise zu führen? Das Jobangebot im Sicherheitsbereich steigt ständig und CCTV könnte auch zur Entdeckung von Popstars verwendet werden, die Steuergelder in die Staatskasse spülen. Es sei denn, sie ziehen in die Schweiz und schenken uns ihre Millionen – gewissermassen als Entschädigung für meine ständigen Gastauftritte im CCTV.

Corina Tobler *

*Zur Autorin: Die Goldacherin Corina Tobler studiert am renommierten University College London; während ihres Studienaufenthaltes berichtet sie in loser Folge aus der Weltstadt.