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Die St. Galler lieben lieber frei

In anderen Städten brechen Brücken unter der Last Tausender Liebesschlösser zusammen. In St. Gallen gibt es ein einziges. Es ist klein und verrostet und hängt an der Passerelle im Riethüsli. Ein Datum ist nicht eingraviert.
Katharina Brenner
Das offenbar einzige Liebesschloss der Stadt St. Gallen hängt am Geländer der Passerelle über die Teufener Strasse im Riethüsli. (Bild: Katharina Brenner)

Das offenbar einzige Liebesschloss der Stadt St. Gallen hängt am Geländer der Passerelle über die Teufener Strasse im Riethüsli. (Bild: Katharina Brenner)

In anderen Städten brechen Brücken unter der Last Tausender Liebesschlösser zusammen. In St. Gallen gibt es ein einziges. Es ist klein und verrostet und hängt an der Passerelle im Riethüsli. Ein Datum ist nicht eingraviert. Doch auch wenn das Schloss alt aussieht, kann es noch nicht lange dort hängen. Bis vor gut einem Monat gab es laut dem Riethüsli-Magazin zwei Schlösser an der Passerelle. Anfang März hing gar keines mehr dort. Vielleicht war die Liebe zerbrochen. Oder haben öffentliche Ordnungshüter die Liebesschlösser entfernt? Ist das womöglich der Grund, weshalb es in St. Gallen keine gibt?

Tiefbauamt offen für die Liebe

Das städtische Tiefbauamt sagt auf Nachfrage, es habe mit dem Verschwinden der Schlösser nichts zu tun. Man stünde dem Thema offen gegenüber. «Selbstverständlich mit der klaren Einschränkung, dass bei Anzeichen, welche die Sicherheit des Bauwerkes gefährden, entsprechende Massnahmen ergriffen werden müssen.» An der Stadt liegt es also nicht. Sie ist für die Schlösser und für die Liebe – solange es nicht zu viel wird.

Was ist dann der Grund dafür, dass St. Gallen nur ein einziges Liebesschloss hat? Brücken, Passerellen und Stege gibt es zur Genüge – an den romantischsten Lagen. Bei der Talstation der Mühleggbahn etwa: «Bangor», wie lyrisch, das kleine Haus, wie hübsch, der Steg, fast versteckt. Oder in Bruggen: Wer wollte sich nicht ewige Liebe schwören, wenn er Hand in Hand über die Ganggelibrugg geht? Wo der Blick bis zum Säntis geht. 355 Meter Stahl gewordene Möglichkeiten für Liebesbeweise – und kein einziges Schloss hängt am Geländer. Kein einziges!

Sind St. Galler zu bescheiden?

Ein schlimmer Verdacht drängt sich auf. Verlieben sich die St. Galler nicht mehr? Nein, zu grausam wäre der Gedanke. Vielleicht liegt es an der Ostschweizer Bescheidenheit? Die St. Galler möchten ihre Gefühle einfach nicht an die grosse Glocke oder an Brücken und Geländer hängen. Ist es nicht auch etwas überheblich, sich an prominenten Plätzen in der Stadt zu verewigen? Ist der Schlüssel nämlich einmal im Fluss versenkt, wie es der Brauch will, gibt es kein Zurück mehr. Ein grosser Schritt in Zeiten, in denen doch bald jede zweite Ehe geschieden wird.

Zweifel an der ewigen Liebe

Vielleicht liegt hier der Grund für das Fehlen von Liebesschlössern in der Stadt. Vielleicht zweifeln die St. Galler an deren Sinnhaftigkeit. Eine Liebe, eingesperrt und eingeengt, auf ewig nur wir beide. Wenn zwei sich lieben, warum sollten sie dann nicht auch andere lieben? Immer mehr Menschen leben in offenen Beziehungen. Und auch wer eine exklusive Beziehung führt, dem muss das Bild von der eingeschlossenen Liebe nicht zwingend gefallen. Liebe braucht Raum, Liebe verändert sich, Liebe kann wachsen. Warum also ein Schloss an einer Brücke anbringen? Fahren wir lieber mit unseren Liebsten mit der Mühleggbahn und spazieren in der Frühlingssonne zur Ganggelibrugg.

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