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Die Spurenleserin

Alessandra Beltrame zeigt unter dem Titel «Per un Pelo – um ein Haar» im 41/2, Projektraum für kulturelle Affären, ihre Arbeiten. Diese drehen sich um Tina Modottis Haare, die haarsträubende Finanzwelt und den Kaffeesatz ihrer Besucher.
Kathrin Reimann
Die erste Arbeit mit Haaren nach zwölf Jahren – Alessandra Beltrame vor ihrer Interpretation Tina Modottis. (Bild: Peer Füglistaller)

Die erste Arbeit mit Haaren nach zwölf Jahren – Alessandra Beltrame vor ihrer Interpretation Tina Modottis. (Bild: Peer Füglistaller)

Wer Alessandra Beltrames Ausstellung an der Lämmlisbrunnenstrasse 41/2 betritt, wird von goldenen Päckchen geblendet. Dabei handelt es sich um sogenannte Investitionen – geheimnisvolle Päckchen mit vielversprechendem, aber unsichtbarem Wert. «Diese Installation nimmt Bezug auf Aktien und die haarsträubende Finanzwelt», sagt Beltrame. Denn genauso wie bei Aktien sehe man den Wert dieser Installation nicht. «Man muss mir vertrauen.» Doch sie garantiert dafür, dass in jedem Päckchen ein wertvolles Kunstwerk steckt, auch wenn das weder dokumentiert noch nachvollziehbar ist. Es gilt ihr Wort. «In keinem steckt eine Niete.» Und es wirft die Frage auf, wem wir aus welchen Gründen vertrauen.

Das Theatralische in der Kunst

Auch die Installation «Volles Portemonnaie, voller Bauch» beschäftigt sich mit dem Thema Geld. «Ich habe die Arbeit nach dem Bankencrash gemacht. Erst damals habe ich die Virtualität des Geldes erkannt.» Auch diese Installation lebt von Gold: Auf goldenem Leder stehen gelbe Portemonnaies. «Ich verarbeite die Verknüpfung von Nahrung, Bildung und Geld», sagt Beltrame. Sowieso sei Geld ein grosses Thema in der Kunst.

Ein grosses Thema für Beltrame ist das Theatralische. Seit zwölf Jahren macht sie ausschliesslich Kunst. Zuvor war die in St. Gallen wohnhafte Künstlerin als Maskenbildnerin tätig. Ihr Bild zu Tina Modotti, bei dem sie echte Haare in Haartüll eingearbeitet hat, ist denn auch ihre wichtigste Arbeit dieser Ausstellung. «Es ist das erste Mal seit zwölf Jahren, dass ich wieder mit Haaren gearbeitet habe.» Das Bild der Schauspielerin, Fotografin und Revolutionärin Modotti stellt deren Kopfhaare, Achselhaare und Schamhaare in den gesellschaftlichen Diskurs. Ausserdem macht es anhand der Materialien ihre Biographie lesbar. So steht der rote Faden für den Kommunismus oder die Seide für Modottis Arbeitseinsatz in einer Seidenfabrik. «Eigentlich habe ich das Bild für einen anderen Anlass entworfen, um ein Haar hätte ich es ausstellen können, doch die Ausstellung kam nie zustande.» Oft würden solche, um Haaresbreite verpasste Chancen negativ beurteilt, dabei würden so neue entstehen.

Alessandra Beltrames Ausstellung ist vielschichtig, verspielt und ironisch. Überall, selbst auf dem Boden, im Schaufenster und in jeder Nische, gibt es ein Werk zu entdecken. Ihre Arbeiten spielen mit der Sprache, mit Metaphern, Materialien, Anordnung und Licht und Schatten. Und sie spielen sogar mit den Besuchern der Ausstellung.

Diese können sich nämlich von der Künstlerin aus dem Kaffeesatz lesen lassen. Beltrame hat bereits zuvor mit Kaffeesatz gearbeitet. Im ausgestellten «International Coffee» zeigt sie, dass Daten-Tracking auch in der Kaffeetasse stattfindet, nicht nur im Internet. In ihrem Experiment geht es um die Lesbarkeit von Daten und Informationen über Menschen und das, was sie bewegt.

Haarfeine Kaffeesatzkunst

Wenn sich Besucher entschliessen, daran teilzunehmen, erhalten sie eine Tasse Kaffee, trinken diese und denken dabei an ein Thema oder an eine Frage, die sie bewegt. Ist der Kaffee getrunken, stülpt Beltrame die Tasse um und zeichnet mit haarfeinen Strichen auf Papier, was sie aus dem Kaffeesatz liest. «Ich erzähle den Leuten Geschichten über sie selber. Erstaunlicherweise stimmen diese meistens.» Den Leuten, die keinen Kaffee mögen, liest sie auch aus dem Fruchtsaftsatz. Das gezeichnete Kunstwerk können die Gäste danach erwerben. Mit dem Erlös finanziert sich die Künstlerin ihre Projekte.

Ihre aktuelle Ausstellung «Per un Pelo – um ein Haar», in der die Künstlerin «auch sich selbst lesbar macht», ist noch bis am 26. April im 41/2, Projektraum für kulturelle Affären, zu sehen.

Öffnungszeiten: Dienstag bis Freitag, 14 bis 19 Uhr, Samstag und Sonntag, 10 bis 17 Uhr. Kaffesatzlesen: bis 26. April, 14 bis 18 Uhr. Finissage: 27. April, 18 bis 22 Uhr.

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