Die Schlösserwelt aufschlüsseln

Ulf Weissenberger sammelt seit 30 Jahren Schlösser und Schlüssel. Rund 700 Stück sind in seinem Besitz, das älteste ist 2500 Jahre alt. Nun hat der Sammler sein Buch «Eiserne Schönheiten: Schloss und Schlüssel» veröffentlicht.

Michèle Vaterlaus
Merken
Drucken
Teilen
Ulf Weissenberger präsentiert ein Schloss, dessen Schliesssystem ihm Kopfzerbrechen bereitete. (Bild: Ralph Ribi)

Ulf Weissenberger präsentiert ein Schloss, dessen Schliesssystem ihm Kopfzerbrechen bereitete. (Bild: Ralph Ribi)

Er spricht mit den Schlössern, er will sie verstehen, und er will sie wieder funktionstauglich machen. Ulf Weissenberger ist 72 Jahre alt und sammelt seit 30 Jahren Schlösser und ihre Schlüssel. Rund 700 Stück nennt er sein Eigentum. Die Zahl sei aber nur eine Schätzung – vielleicht seien es auch 800. Das älteste Schloss in seinem Besitz ist rund 2500 Jahre alt.

Alle seine Schlösser und Schlüssel hat Weissenberger nun für sein Buch «Eiserne Schönheiten – Schloss und Schlüssel» dokumentiert. «Das waren vier Jahre intensive Arbeit», sagt er. Sein Werk hat er am Mittwoch im Historischen und Völkerkundemuseum vorgestellt. Bei der Präsentation am Mittwoch hat er kunstvoll verzierte Eisenschlösser ausgestellt. Jedes einzelne zog den Blick der Besucher auf sich. Doch Weissenberger interessiert sich nicht vorwiegend für die Schönheit seiner Sammlerstücke, sondern für deren Mechanik.

Leidenschaft aus Zufall

Seine Sammlerleidenschaft hat Ulf Weissenberger durch Zufall entdeckt. Eigentlich hat er als Zimmermann Antiquitäten restauriert. «Doch bei Truhen und Schränken fehlte manchmal das Schloss», sagt er. Ein Neues wollte er jeweils nicht in die alten Schränke einbauen und so hat er auf Flohmärkten oder bei Händlern alte Schlösser gekauft. «Bis ich eines Tages eines behalten habe, weil ich es so schön fand.» So ging es eine Weile weiter – «bis ich angefangen habe, Schlösser für mich zu kaufen».

Mit Liebe zum Detail und handwerklichem Geschick hat er die Rätsel um die Schliesssysteme gelöst. Doch nicht immer verlief die Suche nach der Lösung reibungslos.

Das mysteriöse Schloss

Mit einem Schloss verbindet ihn eine besondere Geschichte. «Mit diesem Schloss konnte ich lange nicht in Dialog treten, es war eher ein Monolog», sagt er. An einem internationalen Sammlertreffen hatte er das mysteriöse Stück gekauft. Niemand habe die Funktionsweise verstanden – auch er nicht. Doch genau das reizte ihn. Zu Hause sei das Schloss fast ein Jahr herum gelegen. Dann begann Weissenberger damit, das Schloss zu restaurieren, zu säubern und einen Schlüssel dazu zu konstruieren. Damit konnte er das Schloss öffnen und schliessen. Doch den Mechanismus hatte er nach wie vor nicht verstanden.

«Eines Morgens beim Frühstück flüsterte mir jemand zu: <Schau dir mal das Schliesssystem der Eisentruhe Nummer 275 an.>» Das Schloss der Truhe brachte die Lösung: Zwei Schlüssel gehören zu dem Schliesssystem. Es funktionierte nach dem Prinzip «Chef-Stellvertreter». «Wahrscheinlich konnte der Chef alle vier Fallen, also das ganze Schloss öffnen. Der Stellvertreter mit seinem Schlüssel nur die inneren beiden», sagt der Sammler.

Jedes Schloss ist einzigartig

In seinem Buch hat Ulf Weissenberger auch Schlösser aus anderen Museen abgebildet, damit die Dokumentation von 5000 Jahren Schloss-Geschichte umfassend ist. «Aber ganz umfassend kann sie nicht sein, denn jedes Schloss ist einzigartig», sagt er. Deshalb hat er sich auch räumlich begrenzt. Alle Objekte stammen aus dem erweiterten Alpenraum: aus der Schweiz, Süddeutschland, Österreich und dem Südtirol.

Das Buch hat er seiner Frau gewidmet. «Sie muss manchmal viel Geduld mit mir haben.» Nicht immer habe sie Freude an seiner Sammlerleidenschaft. «Aber manchmal findet sie auch ein Schloss, das ihr gut gefällt.» Angeblich sei sie, nachdem er das Buch fertiggestellt hatte, zuerst in einen Wellness-Urlaub gefahren. «Doch über die Widmung hat sie sich gefreut.»