Die Rehe stehen still vor seiner Linse

Der St. Galler Naturfotograf Hans Oettli kennt die Wildtiere in der Stadt wie kein Zweiter, vor allem die auf dem Freudenberg. Und sie kennen ihn. Eine Begegnung mit einem, der von der Tierwelt magisch angezogen wird.

Christoph Zweili
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Kleiner Mann mit grossem Herz: Hans Oettli hat den Blick fürs richtige Motiv. Oft hat er im Wald nur eine Chance, Wiederholung ausgeschlossen. (Bild: Christoph Zweili)

Kleiner Mann mit grossem Herz: Hans Oettli hat den Blick fürs richtige Motiv. Oft hat er im Wald nur eine Chance, Wiederholung ausgeschlossen. (Bild: Christoph Zweili)

ST. GALLEN. Sein Fotoarchiv umfasst Tausende von Naturbildern. Schon als Jugendlicher hat der gebürtige Thurgauer Rehe und Hasen fotografiert. Inzwischen sind längst auch die einst analogen Bilder digitalisiert und fein säuberlich im Computer nach Arten abgelegt. Hans Oettli kann von der Natur am Freudenberg nie genug kriegen – er hat den Blick fürs richtige Motiv und die nötige Geduld. Und er weiss wohl mehr über den St. Galler Hausberg als manch studierter Zoologe und Botaniker. Als möchte er seiner engen ZweiZimmer-Wohnung entfliehen, erforscht der 74-Jährige jeden Tag den Wald mit seinen Tieren. Mensch und Tier sind verbunden mit einem magischen Band und das oft über Jahre: Die Vögel begleiten ihn auf seinem Rundgang. Wenn er den Rehen «I bis» zuruft, bleiben sie stehen, manchmal auch die Füchse. Wenn Oettli die Buntspechte und Eichhörnchen mit seiner Canon mit dem langen Teleobjektiv fotografiert, bedankt er sich bei den Tieren auf seine Art – er verteilt Pinienkerne und er spricht mit ihnen.

Die Tiere haben sich an seine ruhige Stimme gewöhnt. Sie gehört zum Mann, der auch hinten Augen hat: Wenn der Fotograf fühlt, dass ein Tier hinter ihm ist, blickt er auf den Spiegel, den er auf die Kamera geklebt hat: So muss er den Kopf nicht drehen. Und die Tiere erschrecken nicht.

60 Bilder im Naturmuseum

Hans Oettli freut sich, wenn er andern zeigen kann, was im St. Galler Wald alles kreucht und fleucht. Begeistert spricht er über die Motive, die er mit viel Erfahrung auf seinen Chip bannt. Noch zwei Monate, dann zeigt der St. Galler 50 mal 70 Zentimeter grosse Bilder im Naturmuseum, 60 an der Zahl. «St. Galler Wildtierleben» nennt sich bescheiden die Hommage, die vom 25. September bis zum 25. Oktober zu sehen sein wird. Sie passt gut zum in St. Gallen lancierten Projekt Stadtwildtiere und zur jetzigen Sonderausstellung im Naturmuseum «Das Reh – Durch Anpassung zum Erfolg». Längst hat Oettli seine Bilder ausgewählt – und mit ihnen die Geschichten, die er an zwei Sonntagen erzählen will: von Tag- und Nachtfaltern, Libellen, Molchen, Erdkröten, Igeln, Füchsen, Rehen, Vögeln, Dachsen, Siebenschläfern und Mardern. Sie alle sind ihm vor die Linse gelaufen. Seine Bilder haben eine Botschaft: Tragt Sorge zur Natur! Die Maus, die sich unter einen Fliegenpilz stellt, bringt das auf den Punkt. Damit hat er 2013 einen ersten Preis bei einem Wettbewerb gewonnen.

Erdkröten und Bergmolche

Solche Glückstreffer gibt es nicht alle Tage. Heute zum Beispiel sind die Aussichten schlecht: Wolken trüben das Licht, die Temperaturen sind tief, die Tiere verkriechen sich. Der Altmannenweiher gehört zur Weiherlandschaft südlich über der Stadt St. Gallen. Er liegt heute in der grossen Schutzzone Notkersegg/Dreilinden, einer faszinierenden Waldlandschaft. Überall liegt Totholz – die Natur hat den Wald zurückerobert. «Ein Refugium für Erdkröten und Bergmolche», sagt Oettli. Im Weiher wuchern Schlamm-Schachtelhalme. Ein paar Schritte weiter hat ein Fuchs ein Wespenest ausgegraben, ein Kleinspecht in einer toten Ulme seine Jungen aufgezogen. Im Dreck sind Rehspuren zu sehen, ein Dachs hat nach Würmern und Käferlarven gebuddelt.

Oettli bewegt sich auf festem Schuhwerk, als wäre er hier zu Hause. «Das war gestern noch nicht da», deutet er auf eine Spur. Entschlossen geht der kleine Mann mit dem pechschwarzen Haar im unauffälligen Sakko und den Hosen aus festem Stoff voran. So, als wäre er nicht auf den Stock angewiesen, den ihm eine Krankheit seit seinem vierten Lebensjahr aufgezwungen hat – das linke Hüftgelenk ist kaputt. In der Nähe ruft eine Ringeltaube. Oettli zeigt auf einen Stumpf – «ein Baumpilz». 600 Arten hat er schon fotografiert. «Die sind wie Blumen für mich.»

Wenn die Meisli rufen

Eine Meise ruft. Endlich! Oettli reagiert sofort. Ruft zurück. Lockt. Ein zweiter Winzling kommt dazu, wird belohnt mit Pinienkernen. Das Wort «Anschleichen» mag er gar nicht. «Das ist Nervenkitzel pur. Ich verstecke mich nie. Die Tiere kennen mich», strahlt er. Der Bann ist gebrochen. «Nur das Tannenmeisli, das mir immer auf die Hand kam, das lebt wohl nicht mehr.»

Auf dem Rundgang werden heute noch weitere Meisen gefüttert, andere Tiere zeigen sich nicht. Mit einer Ausnahme: Ein Reh beäugt den Gast aus einer Waldlichtung. Es bleibt stehen, als es das «I bis, gell» im hellen Stadtsanktgaller Dialekt hört. So ist es immer: Einem Rehbock hat sich der gelernte Radioelektriker einmal bis auf vier Meter nähern können.

Der Bock, der am 31. Mai 2009 geboren wurde, ist immer noch im Wald. «Ich hoffe, er bleibt», sagt der Fotograf, als hätte er nicht schon Hunderte von Rehbildern in seinem Archiv. Nicht weit vom Weg entfernt schimpft ein Zaunkönig – eine kräftige Stimme bei nur neun Gramm Körpergewicht. Füchse und Dachse haben hier unterhalb des Freudenberg-Gipfelkreuzes ein wahres Höhlenlabyrinth gebaut – auch sie zeigen sich nicht, schon gar nicht am Tag.

Die Hasen gibt's nicht mehr

Seit 17 Jahren ist Oettli pensioniert. Er nimmt sich viel Zeit, um die Tiere zu beobachten. «Mitte der 90er-Jahre gab es hier noch Hasen», sagt er mitten in einer Lichtung, Ruhezone für Dachs, Fuchs und Reh. Einmal hat er zugeschaut, wie ein Reh zwei Kitze abgesetzt hat: «Ich habe es mit der Plazenta fotografiert, die noch raushing.»

Wieder zurück auf dem Parkplatz entschuldigt sich Oettli: «Die Buntspechte und die Eichhörnchen kamen heute nicht.» Dann klopft doch noch ein Specht. Ein Signal: Der Fotograf geht zurück in den Wald – allein.