«Die Preise heute sind dekadent»

1400 Franken für einen Quadratmeter Bauland: Solche Preise sind in der Region keine Seltenheit. Gemeinden und Immobilienkenner beobachten die Entwicklung besorgt. Seit der Jahrtausendwende sind die Preise geradezu explodiert.

Corinne Allenspach
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Wohnen mit Seesicht, wie hier in Mörschwil, das wünschen sich viele Leute. Weil Bauland und freie Häuser aber knapp sind, werden heute oft überhöhte Preise verlangt – und bezahlt. (Bild: Urs Bucher)

Wohnen mit Seesicht, wie hier in Mörschwil, das wünschen sich viele Leute. Weil Bauland und freie Häuser aber knapp sind, werden heute oft überhöhte Preise verlangt – und bezahlt. (Bild: Urs Bucher)

«Bauland mit Seesicht: 1398 Franken pro Quadratmeter»; «Bauland an bester Lage mit Seesicht: Preis auf Anfrage.» So warb kürzlich ein Investor im Internet. Bei besagtem Land handelt es sich um Parzellen in Mörschwil. Beim Preis laut Gallus Hasler, Immobilienverkäufer beim Hauseigentümerverband (HEV) St. Gallen, um einen «sehr sportlichen Preis»: «Inserate sind Wunschdenken», sagt Hasler, beim HEV seit acht Jahren im Immobilienmarkt in der Region tätig und selber Mörschwiler. «Das muss man den Leuten immer wieder sagen.» Der effektiv bezahlte Preis liege meist tiefer.

55 Prozent mehr als Anfang 2000

Und doch: Die Bodenpreise und jene für Immobilien sind geradezu explodiert. Seit der Jahrtausendwende sind Einfamilienhäuser im Kanton durchschnittlich um 55 Prozent und Eigentumswohnungen gar um 80 Prozent teurer geworden, wie Kantonsrat Walter Locher, Präsident Hauseigentümerverband des Kantons St. Gallen, kürzlich an einer Versammlung sagte. Wobei die Preise in und um St. Gallen besonders stark stiegen.

Allen voran in Mörschwil. Mitte der 1970er-Jahre kostete dort der Quadratmeter Bauland rund 80 Franken. Ein alteingesessener Mörschwiler erinnert sich, wie er damals noch «wegen zwei Franken verhandelt hat». Zehn Jahre später lag der Preis schon bei rund 200 Franken, Mitte der 90er-Jahre bei 500 Franken pro Quadratmeter. Aktuell wird laut Gallus Hasler in Mörschwil Boden für 640 bis 980 Franken gehandelt. Wobei der erstgenannte Preis für Grundstücke gelte, mit denen die Gemeinde aktive Bodenpolitik betreibe.

Hotspots Rosenberg und Teufen

Hasler weigert sich, konkretere Aussagen zu Boden- oder Immobilienpreisen zu machen. «Absolute Zahlen» seien irreführend, denn entscheidend für den Preis seien verschiedene Faktoren wie Lage und Grösse einer Parzelle, Alter und Ausstattung einer Immobilie, Erschliessung oder der Steuerfuss einer Gemeinde. Generell könne man sagen, der Preis für Bauland und Immobilien komme seit einigen Jahren fast willkürlich zustande und entbehre oft jeglicher Grundlage. Eine ungesunde Entwicklung, wie Hasler besorgt beobachtet: «Ein normaler Büezer kann sich heute schlicht kein Einfamilienhaus mehr leisten.»

Und dies gelte praktisch für die ganze Region. Denn, so Hasler, «alles, was einigermassen gut erschlossen ist und in Stadtnähe liegt, kostet». Bauland für unter 500 Franken gebe es heute kaum mehr. Und schon gar nicht mit See- oder Alpsteinsicht. Absolute «Hotspots», was die Preise betrifft, sind laut Hasler St. Gallen-Rotmonten und Teufen. Teuer seien aber auch Mörschwil, Goldach, Rorschacherberg, der Abtwiler Sonnenberg, Engelburg oder Gossau. Gossau habe zwar keine Seesicht, aber noch einiges Bauland zur Verfügung.

Den Hauptgrund für die «dekadenten Preise» sieht Hasler nebst dem immer knapper werdenden Boden darin, dass Geld heute viel zu billig ist. «Zum Glück machen die Banken nicht mehr alles mit und tragen so zur Marktberuhigung bei.»

«Ja bewahrt vor Immo-Crash»

Froh ist Hasler auch über das Ja zur Masseneinwanderungs-Initiative vom 9. Februar. Denn die Zuwanderung sei «ein ständiger Motor, der Wohnraum fordert». Was die Preistreiberei im Immobilienmarkt betreffe, nehme das Resultat nun einigen Druck weg, ist er überzeugt: «Wir wären sonst in eine Immobilienblase hineingelaufen. Das Ja bewahrt uns vor einem Crash.»

Etwas vorsichtiger formuliert es Walter Locher. Zwar könne man davon ausgehen, dass das Ja zur Initiative eine «gewisse Preisdämpfung» bringe. «Die genauen Auswirkungen können wir aber noch nicht abschätzen.» Zumal ja noch nicht klar sei, wie die Initiative umgesetzt werde. Locher betont auch, dass über den ganzen Kanton betrachtet der Wohnungsmarkt «noch nicht total überhitzt» sei wie etwa im Raum Zürich. Auch wenn in der Region St. Gallen «stattliche Preise» gehandelt würden.

Sonnenberg als «Vorzugslage»

Die hohe Zuwanderung, die historisch tiefen Zinsen und das knappe Angebot an Bauland beziehungsweise gut gelegenen Immobilien, sieht auch Mark Engeli, Grundbuchverwalter in Gaiserwald, als Hauptgründe für die «extreme Preisentwicklung». An Bauland komme man heute nur mit grosser Geduld und Glück. Allerdings werden demnächst in Abtwil und Engelburg grössere Flächen eingezont. Und im Internet wird aktuell für «Baugrundstücke für exklusive Wohnbauten an Vorzugslage am Abtwiler Sonnenberg» geworben. Der Preis ist auf Anfrage.

Engeli weiss, dass an besagter Lage «Höchstpreise bis über 1000 Franken/m² bezahlt werden». Der mittlere Marktwerkt für Bauland liege in Gaiserwald aber bei 600 bis 800 Franken, wobei Abtwil generell teurer sei als Engelburg. Noch 2001, als Engeli seine Stelle antrat, kostete der Boden 330 bis 500 Franken. Anfang der 1970er-Jahre zahlte man am Sonnenberg erst 65 Franken.

Preise im Griff mit Bodenpolitik

Auch Hans-Peter Eisenring, Gemeindepräsident von Häggenschwil, beobachtet die Preisentwicklung im Immobilienmarkt besorgt. Zwar verlange man auch in Häggenschwil «stolze Preise». Diese hielten sich aber mit höchstens 530 Franken/m² noch im Rahmen. Dank aktiver Bodenpolitik, wie Eisenring sagt. «Wenn es irgendwie geht, kauft die Gemeinde Land, erschliesst es und verkauft es zu moderaten Preisen weiter.» So könne man beispielsweise auch beeinflussen, «dass Leute ins Dorf ziehen, die zu uns passen».