Die letzten Verbleibenden

Hier oben kommt einem das feine monotone Brummen der Stadt entgegen. Wer konzentriert hinhört, entziffert: Das muss Rorschach sein. Immer wieder erklingt leise und dumpf ein Barrieren-Signal. Dann plötzlich die klatschenden Flügel einer Ente, knapp über der Wasseroberfläche.

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Stellung halten bis zum Schluss im fast menschenleeren Hochhaus an der Thurgauerstrasse. (Bild: Marco Kamber)

Stellung halten bis zum Schluss im fast menschenleeren Hochhaus an der Thurgauerstrasse. (Bild: Marco Kamber)

Hier oben kommt einem das feine monotone Brummen der Stadt entgegen. Wer konzentriert hinhört, entziffert: Das muss Rorschach sein. Immer wieder erklingt leise und dumpf ein Barrieren-Signal. Dann plötzlich die klatschenden Flügel einer Ente, knapp über der Wasseroberfläche. Die Geräusche der Möwen, die auf der Pritsche in der Badhütte liegen, hallen etwas. Ein heulender Krankenwagen donnert die Kirchstrasse hinab.

Wohnen in der Baustelle

Wir stehen auf einem kahlen Balkon, im vierzehnten Stock des Hochhauses an der Thurgauerstrasse. Hier wohnt schon seit einer Weile niemand mehr. Was einst Wohnung war, ist jetzt staubige Baustelle. Wie fast im ganzen Haus: Bis auf sieben Wohnungen sind alle geräumt, wegen Totalrenovation des Hauses. Zettel kleben an den Türen – Baufirmen-interne Notizen: «Holz o. k. – Scheisshaus o. k. – Chromstahl o. k. – Teppiche o. k. – Gips o. k. – Boden o. k.».

Nur wenige Türen sind von den Zetteln verschont. «Zuhause o. k.» müsste an ihnen wohl stehen, zumindest noch bis Ende März. Die wenigen Verbleibenden im hohen Haus halten Stellung, bis sie Ende März definitiv raus müssen.

«Heimweh-Hochhäusler»

Gleich drei von ihnen findet man im elften Stock. Auf der Etage riecht es nach gedünsteten Zwiebeln. Wir klingeln bei «Seiler». Ein älterer Mann macht auf, etwas zögerlich, keinen Besuch erwartend. «Niemand hat Freude, von hier zu gehen», sagt er. Deshalb zögert er seinen Auszug auch so lange wie möglich raus. «Ich habe letztens mit einem ehemaligen Mieter gesprochen. Er hat sehr grosses Heimweh.» Seit über 34 Jahren wohnt Seiler im Hochhaus: «Weil ich diese Weitsicht und das Licht brauche.» So hat er sich auch schon um eine Bleibe im renovierten Hochhaus beworben. Im vierzehnten Stock wird er eine ungefähr gleich grosse Wohnung beziehen, zahlt aber mehr als das Doppelte. «Ich finde es schade – nach mir hätte man nicht renovieren müssen. Aber ich will unbedingt wieder hier wohnen, so leiste ich mir es», sagt der Pensionär unter dem Türrahmen.

Wir gehen die Treppe hinunter. Ein langes Kabel mit Glühbirnen erstreckt sich von ganz oben bis zuunterst den Treppenschacht hinab und beleuchtet den Bauch des alten Beton-Riesen. Viele unbewohnte Etagen lässt man hinter sich, bis dann im fünften Stock ein Fernseher hinter der Türe zu hören ist. «Kommen Sie rein», bittet ein älterer Mann. Edwin Kellenberger hält Stellung im grossen Haus. «Ich bin jetzt auch so was wie der Hausmeister», sagt er. Jeden Abend schliesst er den Haupteingang des Hauses ab. «Jemand muss halt doch noch zum Rechten schauen», meint er. Kellenberger ist seit etwas mehr als einem Jahr hier. Er wusste von Beginn an, dass er wieder raus müsse. Schade: «Als ich die Wohnung besichtigte», erinnert sich der knapp 90-Jährige, «dachte ich an meine Zeit in Berlin.» Beruflich sei er dort gewesen, habe auch in einem Hochhaus gelebt. «Die Aussicht ist einmalig. Ich sehe über den See, den Pfänder, die Hügel.» Täglich geht er ans Wasser. «Die Vögel kennen mich langsam. Wenn ich auf der Bank sitze und sie füttere, landen sie sogar auf meinen Beinen», schmunzelt er. Den grössten Teil seiner Zeit verbringt er aber in seiner 3,5-Zimmer-Wohnung.

Oben in der Schreibstube

Wir sitzen in der Stube. «Es ist ein wenig ein Puff hier», entschuldigt er sich. Der Fernseher flimmert auf dem Teppich. Neben einem Stuhl, einer Couch und einem Tischchen gibt es hier keine Möbel. Der Boden ist belegt mit Kisten voller Akten von Gerichten, und alten Zeitungsartikeln. «Es ist mehr Büro als Wohnung, ich komme auch selten zum Staubsaugen», sagt der ehemalige Radiologe. Er ist von Rheineck nach Rorschach ins Hochhaus gezogen, wo er seine Ruhe finde, um zwei Bücher zu schreiben. «Über deren Inhalt darf ich allerdings nichts verraten, sonst hat der Verlag keine Freude», meint er.

Die Recherchenarbeit frisst die Zeit, um Kontakte mit den Nachbarn zu pflegen. «Trotzdem ist man manchmal zusammengesessen. Meistens auf dem Balkon; wir assen ein paar Guezli und tranken Kaffee.» Die Nachbarn sind nun aber ausgezogen. «Es ist ein Geisterhaus, aber das ist gut für mich zum Arbeiten», sagt Kellenberger. Auch er pocht darauf, nach der Renovation wieder im Hochhaus wohnen zu können. «Ich denke, das klappt auch.» Mit der Verwaltung habe er nur gute Erfahrungen gemacht. So zahlt er während der Bauphase auch nur noch 650 anstatt der üblichen 850 Franken für seine Schreibstube.

Marco Kamber