Die Kirche mit «Alphütteneffekt»

In den 1970er-Jahren sind die konfessionellen Gräben tief, die Ökumenepioniere in der Gemeinde Halden gelten als visionär. Geschickt schaffen sie Strukturen, die auch 40 Jahre später funktionieren.

Daniel Klingenberg
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Das aktuelle Halden-Team: Priester Josef Wirth, Pfarrerin Birke Horváth-Müller, Pastoralassistent Matthias Wenk (von links). (Bild: Ralph Ribi)

Das aktuelle Halden-Team: Priester Josef Wirth, Pfarrerin Birke Horváth-Müller, Pastoralassistent Matthias Wenk (von links). (Bild: Ralph Ribi)

«Seelsorge im Schlafquartier»: So heisst ein Text, der 1980 die Arbeit in der Halden beschreibt. In einem Jahrzehnt sei das Quartier Achslen-Wilen-Halden mit seinen Reihenhäusern und Blöcken aus dem Boden gestampft worden. Weil es vorher viele Obstbäume, aber keine Menschen dort gab, musste sich das Quartier erst erfinden.

Die Kirchen packen diese Chance und starten 1975 mit einer aus Zürich hertransportierten «Not-Kirche» ein ökumenisches Projekt. Zwischen den Konfessionen gibt es in dieser Zeit Gräben. «Als ich als frischgebackener Pfarrer nach St. Gallen kam, erklärte mir der Sekretär der Kirchgemeinde Tablat, welches im Ort evangelische und welches katholische Geschäfte seien – mit der Andeutung, ich müsse ja wissen, wo es sich für die Pfarrfamilie einzukaufen schicke», sagt Urs Meier, der erste reformierte Halden-Pfarrer.

«Ösi Cherche» schafft Identität

Das Halden-Projekt will etwas anderes. Es will nicht ein Nebeneinander, sondern ein Miteinander der Konfessionen. «Halden war eines von ganz wenigen ökumenischen Pionierprojekten. Denn alles, was nicht zwingend konfessionell laufen musste, machten wir gemeinsam», sagt Urs Meier, der später beim Fernsehen arbeitete.

Der Geist des Miteinanders lebt von Anfang an. In den Gottesdiensten gibt es einen «Alphütteneffekt», weil die Menschen in dem schlichten Holzraum zusammenrücken. Bald heisst die zeltartige Kirche im Quartier «Ösi Cherche». Sie und das ökumenische Team sind mitverantwortlich, dass das Retortenquartier Identität bekommt.

Die Erfindung des Halden-Rats

«Visionär am Halden-Projekt war, dass Katholiken und Reformierte ohne äusseren Druck aus freien Stücken einen gemeinsamen ökumenischen Weg gegangen sind», sagt der langjährige katholische Pfarreileiter Charlie Wenk rückblickend. Damit die Vision Bestand hat, braucht sie aber Strukturen. Das Team hat viel Freiheit und schafft sich eine innere Organisation, die bis heute besteht.

Es muss dabei ein Problem gelöst werden: So stark der Geist des Miteinanders sein mag, die Konfessionen haben letztlich eigene, parallele Strukturen. Und diese entscheiden über Finanzen und Planung. Das Team ruft daher den Halden-Rat ins Leben. Darin sitzen in der Gemeinde aktive Leute beider Konfessionen. Sie arbeiten wie eine vorberatende Kommission und bringen ihre Ideen in den Exekutiven von Katholiken und Reformierten ein. «Der Halden-Rat nahm starken Einfluss auf die Entwicklung des Experiments und verankerte <Halden> in der Wohnbevölkerung», sagt Urs Meier.

Ein Gottesdienst-Marathon

Nach zehn Jahren ist das Projekt so weit gefestigt, dass die Stimmbürger den Bau einer Kirche beschliessen. «Die neue Kirche war ein wichtiger Meilenstein», sagt Charlie Wenk. «Sie hat wie das Provisorium einen Zeltcharakter. Das passt von der Symbolik her gut, denn ein Zelt bedeutet, dass wir mit den Menschen unterwegs sind.» Die Einweihung der neuen Kirche wird zum Gottesdienst-Marathon: Erst evangelisch, dann katholisch, zuletzt ökumenisch.

Weil das Projekt Neuland betritt, hat es auch Gegner. Diese treten aber kaum offen in Erscheinung. Und natürlich kann es für die katholische Seite kirchenrechtlich heikel werden, wenn Eucharistie mit Evangelischen gefeiert wird. Weil man in dieser Frage nie provoziert habe, sei es nie zu Streitereien gekommen, sagen Beteiligte. Viel Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gibt es beim Einsatz für Flüchtlinge durch das Solidaritätsnetz Ostschweiz, das ab 2004 wesentlich durch den damaligen Pfarrer Andreas Nufer aufgebaut wird.

Reformierte Pfarrerin ist da

Zudem ist das interreligiöse Feiern mit verschiedenen Religionen Teil der Halden geworden. Wo steht die Gemeinde in zehn Jahren? «Sie wird noch mehr Ort experimenteller Gottesdienste, Quartiermittelpunkt und Kompetenzzentrum für Ökumene und interreligiösen Dialog sein», sagt Josef Wirth vom Halden-Team. Und dass die neue evangelische Pfarrerin Birke Horváth-Müller (siehe Text unten) ihre Arbeit am 1. Februar begonnen hat, ist ein wichtiger Bestandteil für den Halden-Weg nach dem 40. Geburtstag.

Sonntag, 11 Uhr, Gottesdienst: Einsetzung von Birke Horváth-Müller

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