Die Jazz-Welt klickt ins Rheintal

Angefangen hat der Altstätter Frauenarzt Peter Böhi vor fünf Jahren mit ein paar Gleichgesinnten. Heute ist SwissGroove bei Jazz-Freunden in aller Welt eines der beliebtesten Webradios.

Markus Rohner
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Peter Böhi teilt seine Musikleidenschaft mit der ganzen Welt – frei ab Wohnzimmer. (Bild: Daniel Ammann)

Peter Böhi teilt seine Musikleidenschaft mit der ganzen Welt – frei ab Wohnzimmer. (Bild: Daniel Ammann)

Je tiefer man im Wohnhaus von Peter Böhi in den Untergrund vordringt, desto grösser und eindrücklicher wird die Sammlung von Tausenden von Vinylplatten und CDs. In jeder Ecke und jedem Zimmer liegen Tonträger, die im Verlaufe der letzten Jahre vom Jazz-Freak gekauft worden sind. «Es hat viele tolle Musikstücke darunter, dann aber manche, die nicht meinem Geschmack entsprochen haben», sagt Böhi.

Sein Musikstil entspricht im Rheintal, wo er seit zehn Jahren wohnt und arbeitet, wohl nicht einer Mehrheit der Bevölkerung. Denn der Frauenarzt pflegt weniger den klassischen New-Orleans- und Chicago-Jazz als den zeitgenössischen Jazz ab den 50er-Jahren – von Brazil über Funk bis Smooth. «Ich lebe in einer parallelen Musikwelt, die nicht abgebildet wird von konventionellen Radiostationen», sagt der 50jährige Zürcher, der heute in Altstätten zu Hause ist.

Schon im Teenageralter ist er in die USA gereist, um an den Hot Spots der Jazz-Szene seiner grossen Leidenschaft nachzugehen. Heute noch reist er mindestens zweimal im Jahr an die grossen Festivals in den USA, um dort jene Atmosphäre zu geniessen, die er an vielen Festivals in Europa, dazu gehört auch Montreux, nicht mehr findet.

Vor fünf Jahren haben Böhi und drei Kollegen beschlossen – alle vom gleichen Fieber gepackt –, ihre grosse Musiksammlung weltweit dem Publikum frei zugänglich zu machen. «Von da an war es nicht mehr weit bis zu SwissGroove», erinnert sich Böhi. Das Internetradio wird heute regelmässig von 600 bis 700 Jazz-Freunden gleichzeitig gehört, was täglich rund 20 000 Hörerinnen und Hörer ergibt und den Sender zum grössten in seiner Nische gemacht hat.

Live aus Rorschach

Bei diesem Internetradio befinden sich über 20 000 Songs aus aller Welt in der Rotation. Alle von Böhi und seinen Musikredaktoren ausgewählt und für das Webradio aufbereitet. Bevor ein Song über den Sender geht, muss er in das gängige MP3-Format umgewandelt und nachbearbeitet werden, damit die Qualität stimmt.

«Bei diesem grossen Musikarchiv muss einer sehr lange unser Radio hören, bis er ein Stück ein zweites Mal zu hören bekommt», ist Böhi überzeugt. Ein eigentliches Studio besitzt SwissGroove nicht.

Die Radiomacher sitzen in Altstätten, in Basel oder in den USA zu Hause vor ihrem Computer, pflegen dort in erster Linie ihr Musikarchiv und überlassen die automatische Programmierung einem Server in Deutschland. «Wir können allerdings jederzeit eingreifen und Live-Streams einspielen», sagt Böhi. So werden gelegentlich Konzerte des Jazzclubs Rorschach live auf SwissGroove übertragen. Für Böhi eine ideale Gelegenheit, Werbung für sein Radio zu machen.

Pure Leidenschaft

Was treibt einen Gynäkologen an, fast seine ganze Freizeit mit der Jazz-Musik und SwissGroove zu verbringen und dafür auch noch Geld aufzuwerfen? «Die pure Leidenschaft und Freude an diesem Musikstil», sagt er. Wenn die Initianten gewusst hätten, wie gross der Aufwand für ihr Webradio ist, sie hätten damit vielleicht gar nie angefangen.

Doch jetzt, wo SwissGroove in aller Welt auf eine treue und wieder wachsende Zuhörerschaft zählen kann, denkt keiner daran, das Kind sterben zu lassen.

Weil bis heute kein Internetradio der Welt gewinnbringend arbeitet, wissen die Betreiber dieses Jazz-Radios, dass es letztlich von ihnen abhängt, wie lange es SwissGroove geben wird.

Letztlich ist das Spartenradio für Böhi und seine Freunde Mittel zum Zweck, ihre Leidenschaft anderen Jazz-Freunden zugänglich zu machen. Und wenn SwissGroove in Zukunft vermehrt auf populären Mainstream setzen würde und so mehr Hörer gewinnen könnte? Peter Böhi verwirft die Hände. «Musikalische Kompromisse kommen bei uns nicht in Frage. Lieber hören wir auf.»

www.swissgroove.ch