Die Impfgegner sind salonfähig geworden

Für die Präventivmediziner des Bundes muss es frustrierend sein: Ausgerechnet während der bisher grössten nationalen Masern-Impfkampagne sinkt in Teilen der Bevölkerung die Impfrate.

Andri Rostetter
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In der Ostschweiz hat sich die Durchimpfung gegen Masern verschlechtert. Die Behörden vermuten dahinter den zunehmenden Einfluss der Impfgegner. (Bild: Ralph Ribi)

In der Ostschweiz hat sich die Durchimpfung gegen Masern verschlechtert. Die Behörden vermuten dahinter den zunehmenden Einfluss der Impfgegner. (Bild: Ralph Ribi)

Für die Präventivmediziner des Bundes muss es frustrierend sein: Ausgerechnet während der bisher grössten nationalen Masern-Impfkampagne sinkt in Teilen der Bevölkerung die Impfrate. Im Kanton St.Gallen sind es die Zweijährigen, die heute eine tiefere Impfquote aufweisen als noch vor fünf Jahren. Mit anderen Worten: Die Gefahr einer Masernepidemie in dieser Altersgruppe ist heute höher als zu Beginn der Kampagne. Über die Gründe dieser Entwicklung kann nur spekuliert werden.

Das St.Galler Gesundheitsdepartement hat allerdings eine Vermutung: Es könnte der wachsende Einfluss der Impfgegner sein. Ganz abwegig ist das nicht. Eine der wichtigsten Vereinigungen der Schweizer Impfgegner, das Netzwerk Impfentscheid, hat seinen Sitz in Buchs. Entsprechend stark ist die Organisation in der Ostschweiz vertreten. Die Impfgegner profitieren zudem von einem langfristigen Trend: Noch vor wenigen Jahren galten Impfgegner als obskure Verschwörungstheoretiker, ihr Image war ähnlich schlecht wie jenes von Ufogläubigen, Kabbalisten und anderen Kaffeesatzlesern. Mittlerweile konnten sich die Impfgegner aus der Schmuddelecke befreien, auch dank obskurer Studien und der unfreiwilligen Unterstützung der Pharmakonzerne. Mit ihrem Geschäftsgebaren haben diese ihre Glaubwürdigkeit teils nachhaltig geschädigt – und damit auch das Vertrauen in die Impfungen.

Impfkritik ist so in Kreisen salonfähig geworden, die sonst wenig mit esoterischen Glaubensrichtungen anfangen können. Wer sich nicht impfen lässt, gilt als liberal, aufgeklärt, gebildet. Angesichts der Gefährlichkeit von Krankheiten wie Masern ist diese Entwicklung bedenklich.

andri.rostetter@tagblatt.ch

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