Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

Die HSG muss auf Digitalisierung setzen

Mit der Eröffnung der ersten Telegrafenlinie zwischen Zürich und St. Gallen hielt am 15.7.1852 die moderne Telekommunikation in der Schweiz Einzug. 1866 folgte die erste transatlantische Telegrafenverbindung.
Thomas Bieger
Alte und neue Welt, Wissen auf Papier und digitalisiert: Blick in die Bibliothek der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Alte und neue Welt, Wissen auf Papier und digitalisiert: Blick in die Bibliothek der Universität St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Mit der Eröffnung der ersten Telegrafenlinie zwischen Zürich und St. Gallen hielt am 15.7.1852 die moderne Telekommunikation in der Schweiz Einzug. 1866 folgte die erste transatlantische Telegrafenverbindung. Die Übermittlung von Daten und Preisen brauchte nicht mehr Tage, sondern geschah in Lichtgeschwindigkeit. Neue Branchen wie jene der Informationsvermittlung hatten plötzlich ganz andere Möglichkeiten. So sattelte die 1851 gegründete Nachrichtenagentur Reuters für ihre Wirtschaftsnachrichten sozusagen über Nacht von der Brieftaube auf das Telegrafennetz um.

Heute leben wir in einem Zeitalter der Digitalisierung. Daten durchdringen alle Lebensbereiche. So führt das Internet der Dinge nicht nur zu Kühlschränken, die selbst die Milch nachbestellen, oder zu Haarbürsten, die die Haarqualität aufzeichnen. Es ist auch die Grundlage der vierten industriellen Revolution, in welcher Maschinen mit Einzelteilen interagieren und so Leistungsprozesse revolutionieren. Dank immer günstigeren und leistungsstärkeren Sensoren könnten Güterwagen direkt den Zustand ihrer Radsätze messen und sich selbst für die Wartung anmelden, die wiederum von Maschinen übernommen wird.

Dank der sogenannten Plattform-Ökonomie werden Wertschöpfungsprozesse nicht wie früher exklusiv von Unternehmen koordiniert. Heute kann jeder eine Leistung anbieten, das «Produkt» wird – wie beim Fahrdienst Uber – über Internetfirmen auf den Markt gebracht. Neue Geschäftsmodelle und auf Informationstechnologie basierende Leistungsprozesse stellen jedoch auch den geltenden Rechtsrahmen in Frage. Wann gilt ein Uber-Fahrer als selbständiger Unternehmer? Muss, wer Zimmer über Airbnb vermietet, die gleichen feuerpolizeilichen Anforderungen wie ein Hotel erfüllen? Und wem gehören denn die vielen Daten im Internet und wie kann man sich vor deren Missbrauch und Eingriffen in die Privatsphäre schützen?

Bei disruptiven Technologien werden oft die kurzfristigen Folgen der Veränderung überschätzt, die langfristigen jedoch unterschätzt. Gerade deshalb gehört es zu den Aufgaben jeder Organisation und somit auch von Universitäten, sich mit den Potenzialen neuer Technologien und ihren Wirkungen auseinanderzusetzen. Hochschulen sind in diesem Umfeld in ihrer Ausbildungsfunktion, in der Weiterentwicklung ihrer Forschungsmethoden, in ihren Beiträgen zu den Grundfragen der Transformation von Gesellschaft und Wirtschaft und als Institutionen per se herausgefordert:

Damit Hochschul-Absolventinnen und -Absolventen auch künftig arbeitsmarktfähig sind, müssen vermehrt wieder Statistik und Programmierung, IT Skills, vermittelt werden, idealerweise kombiniert mit interkultureller und sozialer Kompetenz für eine immer diversere Welt. In einer Zeit, in der Maschinen zunehmend anspruchsvolle Arbeiten erledigen können – von Rechtsauskünften über Anlagestrategien bis zu anspruchsvollen Marktrecherchen –, werden nur diejenigen ein gesichertes Auskommen haben, die diese Systeme verstehen, steuern und weiterentwickeln können. Zukünftige Akademiker und Akademikerinnen müssen aber auch die Entwicklung der Digitalisierung in Wirtschaft und Gesellschaft kritisch beurteilen, Chancen und Gefahren erkennen und darauf unternehmerisch, aber auch politisch reagieren können. Das Kontextstudium der HSG mit Kultur- und Sozialwissenschaften wird vor diesem Hintergrund an Bedeutung gewinnen.

Täglich hinterlassen wir Spuren im Netz. Diese Daten sind auch ein grosser Fundus für die Forschung. In den Sozialwissenschaften müssen Menschen nicht mehr zwingend zu ihren politischen Haltungen oder zu ihrem Einkaufsverhalten befragt werden. Big Data ermöglicht die Auswertung riesiger Datenmengen, welche auf dem Verhalten von Menschen basieren. Der Umgang mit diesen Daten bedingt jedoch neue Methodenkenntnisse sowie Kooperationen mit Unternehmen, die diese Daten oftmals besitzen.

Wie werden Menschen auf den Verlust ihrer Privatsphäre reagieren? Wie beeinflusst die Digitalisierung Wertesysteme ganzer Gesellschaften? Wie wird die Politik darauf reagieren und wie sich unser Rechtsrahmen verändern? Und welche Geschäftsmodelle werden in Zukunft möglich sein? Zu diesen Fragen müssen Universitäten durch interdisziplinäre Forschung Antworten liefern, denn kritische Erkenntnisbeiträge sind eine ihrer gesellschaftlichen Grundfunktionen.

Thomas Bieger, HSG-Rektor. (Bild: pd)

Thomas Bieger, HSG-Rektor. (Bild: pd)

Die Digitalisierung transformiert aber auch die Universitätslandschaft. Forschung wird immer mehr an Orte mit dem besten Datenzugang, den hellsten Köpfen und den grössten Budgets konzentriert. Studierende können über offene Kurse im Internet Wissen und Zertifikate der weltweit besten Hochschulen erwerben. Die Universitätslandschaft differenziert sich so zunehmend in Institutionen, die nur noch angewandte Forschung betreiben und in der Ausbildung den regionalen Bedarf abdecken. Und in solche, die mindestens in einzelnen Teilgebieten eine globale Ausstrahlung haben, damit sie die besten Köpfe im entsprechenden Fachgebiet anziehen und mit forschungsbasiertem Präsenzunterricht Mehrwert schaffen können.

Die Universität St. Gallen ist dank ihrer Spezialisierung und dem hohen Eigenfinanzierungsgrad in der Lage zu den besten weltweit in ihrem Feld zu gehören und damit Nutzen für die Region zu schaffen. Mit ihrem integrativen Ansatz von Sozial- und Kulturwissenschaften, Politikwissenschaften, Recht und Ökonomie kann sie ein Gesamtverständnis für die aktuellen Entwicklungen in Lehre und Forschung vermitteln. Die HSG wird jedoch in den kommenden Jahren in innovative Lehrformate und darauf abgestimmte Infrastrukturen, in Informatik-Ausbildung und in Methodenkompetenzen zur Datenauswertung investieren müssen. Nur so wird sie weiterhin eine zukunftsfähige Ausbildung anbieten und gemäss ihrer Vision zur Lösung aktueller und zukünftiger Probleme in Wirtschaft und Gesellschaft – auch in einem digitalen Zeitalter – beitragen können.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.