Die Hafenstadt und ihr Hafenplatz

RORSCHACH. Rorschach diskutiert seinen Hafenplatz: Soll er als touristische Visitenkarte mit einem Restaurant glänzen oder als grösste unbebaute Stadtfläche am st.gallischen Seeufer frei bleiben? Am Wochenende entscheiden die Stimmbürger.

Marcel Elsener
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Die Rorschacher Hafenfront mit erweitertem Kabis- oder eben Hafenplatz. Rechts hinter dem Hafenkran das provisorische Hafengebäude, wo der Neubau geplant ist. (Bild: Ruedi Hirtl)

Die Rorschacher Hafenfront mit erweitertem Kabis- oder eben Hafenplatz. Rechts hinter dem Hafenkran das provisorische Hafengebäude, wo der Neubau geplant ist. (Bild: Ruedi Hirtl)

Zehntausende überqueren ihn regelmässig, an Wochen- und erst recht an Sonntagen; Fischer, Hündeler, Liebespaare, Jugendliche, Pensionierte, und zuweilen Beachvolleyballer, TV-Jassprominente oder Musikorchester, die ihrerseits wieder Tausende anlocken. Manche schätzen ihn, ob still oder belebt, einfach als tollen Autopark- oder gar Autoshowplatz. Und für Ausflügler aus Deutschland ist er oft der erste Zugang zur Schweiz: der Rorschacher Hafenplatz, eingebettet zwischen dem Wahrzeichen Kornhaus und dem Musikpavillon am Seepark.

Eigentlich heisst der Platz nur in einem kleinen, teils bekiesten Abschnitt wirklich Hafenplatz – der grosse Rest dient vorläufig als Parkplatz und heisst Kabisplatz, weil dort einst der Gemüsemarkt stattfand und wohl auch viel Kabis erzählt wurde.

Eine weite offene Fläche

In der heutigen Dimension gibt es den Platz am Hafen noch nicht lange: Bis 2006 stand da, wo die grösseren Schiffe anlegen, der Güterschuppen, ein altehrwürdiges Zoll- und Lagergebäude, das mangels guter Bausubstanz und besserer Ideen abgebrochen wurde; es trauerten die Schwalben und Tauben, die im Dachgebälk ihre Schläge hatten. Seit das massige Gebäude weg ist, haben die farbigen Häuser an der sogenannten Hafenmeile freie Sicht auf den See.

Der entstandene grösste Platz der Stadt sollte als freie Fläche erhalten bleiben und nicht wieder durch ein Gebäude verstellt werden, wünschte eine Mehrheit der Bevölkerung. Ein unscheinbarer Holzpavillon immerhin, mit Hafenmeistereinrichtungen und WC-Anlagen, mochte es als Provisorium leiden; angeschlossen quasi an den Hafenkran, denkmalgeschützter Kronzeuge der einstigen Bedeutung des Hafens. Hier werden nicht nur die Yachten aus dem See gehievt, hier steigen auch die Schiffspassagiere von Bord.

Vorlage für ein Restaurant

Nun soll auf den vorläufigen ein dauerhafter Pavillon folgen: Die Stadtregierung hat ein Hafengebäude für ein Restaurant sowie Hafenmeister-, Zoll- und WC-Räume ausarbeiten lassen und legt es zur Abstimmung vor. Der Wolfhaldener Architekt Hubert Bischoff, ein preisgekrönter Spezialist für zurückhaltend klare (Holz-)Bauten, entwarf einen flachen Baukörper, der die Fläche des Platzes kaum beeinträchtigt und den Bauten an der «Stadtkante» freie Sicht lässt.

Die Kosten sind beträchtlich: 3,3 Millionen Franken, wovon die Stadt 2,4 zu berappen hätte; den Rest – Innenausbau und Gastroeinrichtungen – übernähme die St. Galler Brauerei Schützengarten, die einen langjährigen Mietvertrag erhielte und den Wirt bestimmen könnte. Die grundlegende Idee, vom Stadtrat im Gutachten erläutert: Nachdem der Hafen nicht mehr dem Warenumschlag dient, ist er heute als Teil der Seeuferpromenade Naherholungsgebiet und wichtiger Platz der Tourismusregion St. Gallen-Bodensee. «An Spitzentagen kommen hier bis 3500 Personen mit dem Schiff an. Rorschach will die Funktion der gastlichen Hafenstadt stärken und mit anderen Bodensee-Destinationen gleichziehen.»

Aufs Eis gelegtes Kornhaus

Eine schick herausgeputzte Visitenkarte für eine Hafenfront, die mit Lindau oder Ascona liebäugelt – da hat niemand etwas dagegen. Dachte der Stadtrat, bestärkt von positiven Stimmen aus der Bürgerschaft und den Parteien. Allen, bis auf eine – nicht wie üblich die SVP, sondern die SP erhebt lautstark Einspruch mit dem Luxus-Argument: Die «grosszügige Piazza Grande» dürfe nicht «konzeptlos verbaut» werden, die Millionen für das neue «Luxusrestaurant» wären «viel besser investiert für die dringend notwendige Sanierung von Kornhaus und Musikpavillon». Ein Flugblatt zeigt das Wahrzeichen bildlich aufs Eis gelegt. Prompt ist eine Debatte in Gang gekommen, die sich in Leserbriefspalten niederschlägt und grundsätzliche Fragen zur Stadtentwicklung aufwirft. Über das «schmucke Gebäude auf Hochglanz» wundert sich auch der Präsident der Genossenschaft Strandbadfreunde, Norbert Wenger: Angesichts «knüppelharter» Stadtfinanzen könne man vieles andere anpacken, sein «Flickwerk»-Bad warte «in guter Gesellschaft» mit Kornhaus, Seeparkpavillon, FC-Garderoben und Schulliegenschaften seit Jahren auf finanziellen Spielraum. Und kritisch äusserte sich jener Mann, der seit genau fünfzig Jahren täglich im Hafen arbeitet: «Überflüssig» sei das Restaurant, meint Hafenmeister Urs Grob, zumal die Schiffspassagierzahlen knapp ein Drittel der Spitzenjahre in den 1970-ern erreichten und in den Beizen am See oft gähnende Leere herrsche. Wichtiger ist ihm der Ausbau der hygienisch beschämenden, zu wenigen öffentlichen Toiletten auf dem Areal.

Für Stadtpräsident Thomas Müller bedeutet das neue Hafenrestaurant nichts weniger als die Frage, wie viel Leben in Rorschach spürbar sein soll und ob die St. Galler mit ausländischen Seestädten mithalten will. Derweil er gar von einem Wasserspiel à la Bundesplatz träumt, schwebt den Kritikern lieber ein Restaurant im Kornhaus vor.

Umbruch mit Diskrepanzen

Beides fragwürdige Visionen in einer Stadt im Umbruch, wo die Diskrepanzen und Dissonanzen augenfällig sind: Beispielsweise steht an der Meile, wo alles Hafen- heisst, Hafenbahnhof, Hafenbeizli, Hafenkebab, einer der schönsten Restauranträume der Region, das «Schnell», leer. Zu schweigen vom zerfallenden einstigen Prachtshotel Anker – dem populären italienischen Café im Parterre zum Trotz.

Wie immer der Entscheid am 22. September ausfällt: Die Hafenstadt regt sich, auch in der öffentlichen Diskussion. Was will Rorschach und für wen? Identitätsfragen drängen ebenso wie manche Altlasten, in diesem Fall die Bahnlinie, die die Stadt vom See trennt. Dem Hafenplatz kanns egal sein, er bleibt ein einzigartiger Ort grosszügiger See-Sehnsucht. Und manchmal, wenn die Konturen verschwinden und weit und breit kein Ufer in Sicht ist, gilt am Schwäbischen Meer der legendäre Spruch: Zwischen uns und dem wirklichen Meer nur ein einziges kleines Land – Deutschland.

Modell des Neubaus am Hafenbecken, vis-à-vis des Kornhauses.

Modell des Neubaus am Hafenbecken, vis-à-vis des Kornhauses.

Visualisierung des Restaurants mit überdachten Aussenplätzen. (Bilder: Hubert Bischoff)

Visualisierung des Restaurants mit überdachten Aussenplätzen. (Bilder: Hubert Bischoff)