Die Greina war sein Thema

Herbert Maeder bescherte Bern eine Premiere. Der Ausserrhoder war als erster Parteiloser in den Nationalrat gewählt worden. Das war 1983. Die Natur, die Umwelt, die Landschaften, für welche er sich als Politiker engagiert hatte, sind ihm noch heute lieb.

Regula Weik
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Herbert Maeder schaut in seinem Arbeitszimmer einen Bogen mit Dias an. (Bild: Benjamin Manser)

Herbert Maeder schaut in seinem Arbeitszimmer einen Bogen mit Dias an. (Bild: Benjamin Manser)

REHETOBEL. Herbert Maeder sitzt am langen Holztisch in der Stube seines Bauernhauses. Sein Blick ist offen und gleichzeitig zurückhaltend, die Situation abtastend. Seine Berner Zeit liegt weit zurück. «Ich wollte kein Sesselkleber sein», sagt er. 1995, mit 65, zog er sich aus der Politik zurück. «Ich habe mich für die Natur engagiert. Umweltschutz war mein Thema.» Und dann fällt das Wort erstmals: Greina.

Entgelt für Verzicht

Maeder und Greina, Greina und Maeder: Fast scheint es, die beiden gehörten zusammen. Bis heute. Sein erstes Votum in Bern hatte der Hochebene zwischen Sumvitg und Blenio gegolten. «Sie war mein Thema», sagt Maeder. Seine Augen leuchten auf. Freude? Stolz? Es dürfte beides sein. Zu Recht. Dass die Greina-Hochebene heute nicht überflutet ist, ist wesentlich sein Verdienst.

Die Gemeinden freilich hatten wenig Freude an seinem Engagement; sie sahen die Wasserzinsen davonschwimmen – Einnahmen, die ihnen höchst willkommen gewesen wären. Was, wenn die Gemeinden eine Ausgleichszahlung erhalten? Ein Entgelt für ihren Verzicht auf die Nutzung der Wasserkraft? Dieser Gedanke, der schliesslich im Landschaftsrappen mündete, trieb Maeder um und an. Doch was plausibel tönt, musste über Jahre erkämpft werden. «Wir haben es schliesslich durchgeboxt im Parlament», sagt Maeder. Der Widerstand gegen die Überflutung der Hochebene wurde zum Inbegriff eines erfolgreichen Landschaftsschutzes. «Eine neue Dimension im Umweltschutz», schrieb die NZZ. Seit 1996 ist die Landschaft Greina-Piz Medel Teil des Bundesinventars der Landschaften und Naturdenkmäler von nationaler Bedeutung.

Zahlreiche Fotobücher

Maeder erzählt von Mitstreitern und Diskussionen – so lebhaft, als ob keine Zeit verstrichen wäre. Er erinnert sich präzise, wann er wo unter welchen Umständen welche Aufnahmen der Greina gemacht hatte – und wo sie publiziert wurden. Immer wieder erhebt er sich, holt einen Fotoband aus dem Gestell, blättert darin und findet rasch die gesuchte Aufnahme. Einmal täuscht er sich, er überlegt, doch das Buch will ihm nicht einfallen. Das Denken fällt ihm nicht mehr so leicht wie früher. Vor einigen Jahren erlitt er einen Hirnschlag, war lange Zeit an den Rollstuhl gebunden. Heute bewegt er sich wieder frei, langsam und vorsichtig.

«Den alpinen Fliessgewässern gehört mein Herzblut», sagt er. Und was hält er von der Wasserkraft als alternative Energieform? Er nickt. «Massvoll.» Und schon ist er wieder bei seinem Engagement gegen die Landschaftszerstörung – Grimselsee, Lago Bianco, Val de Réchy. Die Namen sprudeln nur so aus ihm heraus.

Politisch unerfahren

Maeders Wahl 1983 in den Nationalrat war eine Überraschung. Er war politisch unerfahren. Er war parteilos. Und er setzte sich gegen den offiziellen Kandidaten, den Ausserrhoder SP-Regierungsrat Jost Leuzinger, durch. Maeder jagte der Partei den traditionellen Nationalratssitz ab und ging als erster Parteiloser nach Bern. Das gab zu reden – und zu schauen. Sein erster Auftritt in Bern wurde beaugapfelt – nicht nur von links. Maeder liess sich nicht lumpen. Er kleidete sich neu ein, Anzug und Fliege. Was ihm prompt die Schlagzeile «Der Grüne kam im Smoking» eintrug.

Lange ist es her, und heute sitzt er in Hemd und Pullover am Tisch. So, wie ihn die allermeisten kennen – von seinen Diavorträgen, seinen Reisereportagen. Maeder war viel unterwegs. In den Bergen. In der Schweiz. Auf den Malediven. In Afghanistan. «Keine Unterhaltungsreisen», Maeder kann wunderbar erzählen. Begegnungen, Beobachtungen, Erlebnisse, Anekdoten. Der gelernte Drogist und fotografische Autodidakt hat unzählige Bildbände herausgegeben. Unaufgeregte Aufnahmen. Ruhig und zeitlos.

So wirkt auch sein Arbeitszimmer. 110 000 Schwarzweissaufnahmen, 70 000 bis 80 000 Farbaufnahmen. Säuberlich abgelegt und beschriftet in Hängeregistern für Dias. «Mein Archiv.» Er nimmt ein Dia heraus, legt es aufs Leuchtpult, schaut durch die Lupe. «Meine gewohnte Arbeit.» Das Archiv durchforsten, Bilder anschauen und auswählen. Etwa für den jährlichen Kalender der Greina-Stiftung. Und das seit 1987; ein Jahr zuvor war die Stiftung gegründet worden.

Mit der modernen Technik hat es Maeder nicht. Auf seinem Pult steht eine Hermes 3000. Ein-, zweimal habe er sich am Computer versucht – er winkt ab. Und die digitale Fotografie? Das überlasse er den Jungen. Maeder ist 86. Und trotzdem: Seine Dias sind heute allesamt gescannt und digitalisiert. Die Ausserrhoder Kantonsbibliothek in Trogen hütet sein fotografisches Erbe.

Eine spezielle Pflanze

Auf dem Weg zurück in die Stube deutet Maeder auf Familienfotos; er ist vierfacher Vater, zehnfacher Grossvater und vierfacher Urgrossvater. Freudig berichtet er, wer sich wo aufhält, welche Schule absolviert, welchen Beruf ausübt. Er hält inne. Er lese noch immer regelmässig den «Spiegel», sagt er dann. Er gehöre zu den «Spiegel»-Lesern der ersten Stunde. Das deutsche Nachrichtenmagazin erschien erstmals 1947.

Maeder begleitet den Gast vors Haus. Der Blick gleitet über die Hügel des Appenzellerlandes und bleibt am leuchtend roten Mohn im Garten hängen. Den Garten pflege seine Frau. Doch zum Mohn habe er eine Geschichte zu erzählen. Maeder hatte mit einem Freund den Damavand, den höchsten Berg Irans, bestiegen und darüber in der NZZ geschrieben. Später erhielt er Post aus Halle; ein Professor des dortigen Instituts für Biochemie erklärte ihm: Der Mohn auf seinem Foto sei kein gewöhnlicher, orientalischer Mohn, sondern eine Spezialsorte, die nur am Damavand wachse. Maeder erinnert sich noch immer an den Pflanzennamen: Papaver bracteatum Linde. Und auch an den roten Vermerk auf dem Briefumschlag aus Halle: «Wissenschaftliches Arbeitsmaterial. Ausführung mit Genehmigung für das kapitalistische Ausland.» Er schmunzelt. Der Brief war 1972 in der damaligen DDR abgeschickt worden.