Die Fronten klären sich

ST.GALLEN. Die Freisinnigen für Hüppi, die Grünen für Rechsteiner, das Gewerbe für Brunner – drei Wochen vor der Besetzung des zweiten St. Galler Ständeratssitzes erhalten die drei konkurrierenden Lager schärfere Konturen.

Regula Weik
Merken
Drucken
Teilen

ST. GALLEN. Christlichdemokraten und Freisinnige sitzen seit Jahrzehnten Seite an Seite im Ständerat. Die FDP hat ihren Sitz erneut auf sicher; das St. Galler Volk hat Ende Oktober Regierungsrätin Karin Keller-Sutter souverän nach Bern delegiert. Anders sieht es für die CVP aus. Sie muss bangen, dass ihr Abonnement auf den zweiten Ständeratssitz Ende Monat ausläuft.

Brunner in der Pole Position

Toni Brunner, SVP-Parteipräsident und Nationalrat, kann es am ehesten aus eigener Kraft schaffen. Seine Partei ist mit 31,5 Prozent noch immer die wählerstärkste im Kanton – trotz Einbussen. Und: Die Ausgangslage für den zweiten Wahlgang ist diesmal eine andere als vor vier Jahren; damals hatte das Motto «Alle gegen die SVP» gelautet. Diesmal dürften sich die Stimmen splitten – auch jene in der Mitte. Brunner – er erzielte in den Nationalratswahlen das beste Resultat aller Kandidierenden im Kanton – wittert denn auch noch Potenzial. Dabei kann er auf das Gewerbe zählen. Die Präsidentenkonferenz des Kantonalen Gewerbeverbandes unterstützt ihn – mit dem klaren Ziel, «einen linken Ständerat zu verhindern». Die Vertretung des Kantons in der kleinen Kammer müsse bürgerlich bleiben.

Brunner dürfte dieser Support freuen. Für den ersten Wahlgang hatte er – genauso wie CVP-Kandidat Eugen David – keine Unterstützung aus dem Gewerbe erhalten. Der Verband hatte einzig Karin Keller-Sutter unterstützt.

Grüne und Frauen für SP-Mann

Auf der andern Seite des politischen Spektrums steht Paul Rechsteiner. Der Gewerkschaftspräsident und SP-Nationalrat war im ersten Wahlgang nahe an Eugen David herangerückt; die beiden trennten lediglich gut 3000 Stimmen. 12 000 Stimmen waren es zwischen Rechsteiner und Brunner – zugunsten des Toggenburger Bauern.

Rechsteiner kann im zweiten Wahlgang auf die Grünen zählen. Er sei der einzige Kandidat, der sich «für den Atomausstieg und eine wirksame Klimapolitik» einsetze, so die Grünen. Und er gewährleiste «eine ausgewogene Standesstimme». SP und Grüne kommen zusammen auf einen Wähleranteil von 23,1 Prozent.

Auch der Kaufmännische Verband Ost unterstützt Rechsteiner. Er trage «die bildungs- und angestelltenpolitischen Ziele» des Verbandes mit. Und es hat sich ein Frauenkomitee zugunsten von Rechsteiner gebildet. Der Kanton brauche eine Vertretung im Ständerat, die sich für «Menschenwürde, soziale Gerechtigkeit und Fairness» einsetze.

Support von CSP?

Erhält Rechsteiner zusätzlich Schützenhilfe von enttäuschten CSP-Leuten? Einige Christlichsoziale denken jedenfalls über ein Unterstützungskomitee für den SP-Mann nach; ob es tatsächlich zustande kommt, ist noch offen.

Freisinnige für Hüppi

Bleibt CVP-Kandidat Michael Hüppi. Die Partei hat den Rechtsanwalt neu für den zweiten Wahlgang lanciert. Klar ist: Hüppi ist – wie auch Rechsteiner – auf breite überparteiliche Unterstützung angewiesen. Die CVP ist überzeugt, dass sich die Mitte hinter ihren Kandidaten stellen wird. Entsprechend liess sie verlauten: «Dogmatische Parteisoldaten wie Rechsteiner und Brunner holen in der Mitte keine Stimmen.» Und die Partei glaubt: «Die politische Mitte verfügt über das Wählerpotenzial, um die Kandidaten von ganz links und ganz rechts zu übertrumpfen.»

Auf sicher hat Hüppi die Unterstützung der Freisinnigen. Sie liessen sich an einem Hearing von Hüppis «sach- und lösungsorientierter Art» überzeugen. Er biete Gewähr, dass der Kanton in den kommenden vier Jahren mit einer ungeteilten Standesstimme in Bern vertreten sei. CVP und FPD haben zusammen einen Wähleranteil von 32,6 – minim mehr als die SVP alleine.

Grünliberale und BDP offen

Und die anderen Mitteparteien, Grünliberale und BDP, auf welche die CVP ebenfalls setzt? «Wir haben in der zweiten Wochenhälfte eine ausserordentliche Mitgliederversammlung angesetzt, an der wir eine Wahlempfehlung oder Stimmfreigabe beschliessen», sagt Martin Wicki, Co-Präsident der St. Galler Grünliberalen. Die BDP trifft diese Woche Hüppi zu einem Hearing. «Danach entscheiden wir», sagt BDP-Präsident Roland Breitler. Auch die Industrie- und Handelskammer (IHK) St. Gallen-Appenzell will noch diese Woche kommunizieren, wer auf ihre Unterstützung zählen kann. Im ersten Wahlgang waren es Eugen David und Karin Keller-Sutter gewesen.