Die Frau mit den 1000 Jobs

Rika Schneider hat einen Lebenslauf, der jeden Personalmanager überfordert. Im Moment arbeitet sie in St. Gallen und ist verantwortlich für 26 Angestellte einer Backwaren-Ladenkette. Ein Gespräch mit einer neugierigen Allrounderin.

Roger Berhalter
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Rika Schneider ist schwer zu fassen. Die 39-Jährige passt in kein Schema, und ihre kunterbunte Karriere könnte niemand so planen. Sie hat studiert, aber auch eine Lehre als Bäuerin gemacht. Sie hat Konditorin gelernt und Schüler unterrichtet. Sie hat auf Baustellen geschuftet, war Handlangerin in Gärtnereien und Mostereien, und sie stellte sich auch schon ans Fliessband, um «zu sehen, wie das ist». Einmal bewarb sie sich für eine Stelle als Sozialarbeiterin, worauf sich der Personalverantwortliche telefonisch bei ihr meldete: «Frau Schneider, Ihr Lebenslauf überfordert mich!» Die Stelle bekam sie dann doch.

Dabei verlief ihr Leben zunächst durchaus normal. Aufgewachsen in einer Lehrerfamilie im Zürcher Oberland, studierte Rika Schneider nach der Kanti Publizistik, Deutsch und Englische Literatur an der Uni Zürich. Doch eines Nachmittags stand sie mitten in einer Vorlesung auf und ging. «Es war nicht meine Welt.» Jetzt war sie Studienabbrecherin. Ein Stigma, doch sie sieht das anders: «Ich habe nicht aufgegeben und versagt, sondern mich für etwas anderes entschieden.»

Konditorei und Literatur

Seither treibt eine grosse Neugierde sie an. Ein «Riesendurst», wie sie sagt. Immer wieder nimmt sie Jobs an, für die sie eigentlich gar keine Ausbildung hat – einfach, um zu erfahren, «wie das geht», und um neue Menschen kennenzulernen. Der Lohn ist sekundär.

Sie macht zunächst die Handelsschule, danach eine Lehre als Konditorin. Ein Jahr lang arbeitet sie tagsüber in der Konditorei, und abends büffelt sie noch Theorie und verfeinert ihr Handwerk. «Es war ein intensives Jahr, ich hatte für nichts anderes mehr Zeit.»

Dann erneut ein Bruch im Lebenslauf: Sie kündigt ihre Stelle und bewirbt sich als Gruppenleiterin bei einer sozialen Stiftung in Wetzikon, die Erwerbslose wieder in die Arbeitswelt integriert. Dort führt Rika Schneider Gruppen von drei bis zehn Mann beim Zügeln, Wiesenmähen und Wändestreichen. Danach verschlägt es sie ins Schulzimmer. Zunächst nur als Krankenaushilfe engagiert, übernimmt sie immer mehr Lektionen und unterrichtet Sekschüler in Deutscher Literatur und Grammatik. «Als Lehrerin konnte ich meine zwei grossen Leidenschaften verbinden: Menschen und Literatur.»

Hochs und Tiefs auf dem Hof

Dennoch wechselt sie erneut das Metier – und bewirbt sich bei einem Biobauernhof in Winterthur. Dort wartet harte körperliche Arbeit auf sie, doch sie sieht das anders: «Ich war schulmüde und wollte mir zwei Jahre auf einem Bauernhof schenken.» Sie möchte zunächst nur als Knecht arbeiten. Doch der Bauer bietet ihr eine zweijährige Lehre an – und sie sagt zu. Wiederum vor allem aus Neugierde. Sie möchte den Umgang mit Traktor, Egge, Pflug und anderen grossen Maschinen lernen. Und es geht ihr um körperliche Arbeit draussen in der Natur. «Dort ist alles, was sich für mein Leben als wahr erwiesen hat.» Sie verklärt das Bauernleben aber nicht, sondern empfindet es einfach als «uhuere echt», mit allen Höhen und Tiefen. «An einem Abend verreckt ein Kalb, und am nächsten Morgen springen seine Artgenossen so freudig über die Wiese, dass einem das Herz überläuft.»

Vielleicht ist Rika Schneider besser zu fassen, indem man sagt, was sie nicht ist: Sie ist kein Workaholic, keine Esoterikerin, keine Getriebene, keine Sinnsuchende und keine Vagabundin. «Ich war im Fall zwischendurch auch mal sesshaft», sagt sie und lacht. Überhaupt habe sie, anders als man vielleicht erwarten würde, «ein grosses Bedürfnis nach Sicherheit». Allerdings definiert sie Sicherheit auf ihre Art: «Ich habe mittlerweile eine gute Ausbildung als Allrounderin. Ich habe wenig Ansprüche und komme mit wenig Geld zurecht.» Dass sie keine Kinder habe, mache sie zusätzlich unabhängig. So finde sie bei Bedarf schnell wieder eine Stelle. «Würde mir gekündigt, hätte ich danach eine ruhige Nacht.»

In St. Gallen schwimmen gelernt

Im Moment arbeitet Rika Schneider in St. Gallen und bringt die neue Filiale der Äss-Bar an der Lämmlisbrunnenstrasse in Schwung (Ausgabe vom 17. Juni). Seit Ende 2013 arbeitet sie für den Backwaren-Laden, und heute ist sie verantwortlich für 26 Angestellte in vier Filialen.

St. Gallen kennt sie noch gut von früher. Ihre Grossmutter ist in St. Fiden aufgewachsen, auch Gotte und Götti sind von hier. «Auf Drei Weieren habe ich schwimmen gelernt.» Oft rennt sie heute hinauf auf den Freudenberg. «Ich überlege mir manchmal, hierherzuziehen.»