Die Flüchtlinge werden immer jünger

Auch der Kanton St. Gallen ist mit der Betreuung junger Flüchtlinge herausgefordert. 144 unbegleitete minderjährige Jugendliche sind derzeit registriert. 109 sind im Asylzentrum Thurhof in Oberbüren untergebracht, 35 in der Landegg in der Gemeinde Eggersriet. Das führt zu Kritik.

Christoph Zweili
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Essensausgabe im Asylzentrum Thurhof in Oberbüren – junge Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Afghanistan, Äthiopien und Syrien legen Hand an. (Bild: Urs Bucher)

Essensausgabe im Asylzentrum Thurhof in Oberbüren – junge Flüchtlinge aus Eritrea, Somalia, Afghanistan, Äthiopien und Syrien legen Hand an. (Bild: Urs Bucher)

ST. GALLEN. Sie flüchten vor dem Militärdienst in Eritrea, einem Land, das zu den repressivsten der Welt gehört. Oder sie setzen sich aus Kriegsgebieten wie Syrien ab. Oder sie werden von Verwandten nach Europa geschickt. Die meisten verlieren auf der Flucht einen Elternteil. Allen gemeinsam ist: Sie sind unbegleitet, minderjährig, suchen Asyl und haben keine Ausbildung. Bereits 1500 minderjährige Asylbewerber haben im laufenden Jahr in der Schweiz ein Asylgesuch gestellt, fast doppelt so viele wie im ganzen Vorjahr. Zuständig für ihre Betreuung und Unterbringung sind die Kantone (Ausgabe vom 2. November).

144 dieser jungen Flüchtlinge halten sich derzeit im Kanton St. Gallen auf. Der Jüngste ist gerade sechs Jahre alt und zusammen mit seinem 12jährigen Bruder eingereist. Die Brüder wurden in die Obhut einer Pflegefamilie übergeben.

Die Regel ist dieses Vorgehen nicht, eher die Ausnahme. Das Konzept des Kantons sieht eine schrittweise Integration im Asylzentrum Thurhof in Oberbüren vor. Einst auf 27 Jugendplätze ausgelegt, halten sich derzeit 109 Jugendliche im ehemaligen Knabenheim auf. «Wir sind überbelegt», sagt Manuela Rasmussen, Leiterin des Jugendprogramms. Deswegen seien die Plätze für Erwachsene reduziert worden. Notbetten in den Mehrbettzimmern und zum Schlafen genutzte Gemeinschaftsräume sind heute Alltag im «Thurhof».

Mit Erwachsenen zusammen

Hier, direkt an der Thur, ist der jüngste Asylbewerber 13 Jahre alt. Die 17-Jährigen und Älteren im «Thurhof», 35 an der Zahl, wurden inzwischen im ehemaligen Kur- und Seminarhotel Landegg in Eggersriet oberhalb von Rorschacherberg untergebracht, das der Kanton St. Gallen seit 2010 zusammen mit Appenzell Ausserrhoden als Asylunterkunft nutzt. Da sieht der Eggersrieter Gemeindepräsident und Geschäftsführer der St. Galler Gemeinden (VSGP), Roger Hochreutener, nur noch rot: «Die Anlage ist auf Erwachsene ausgerichtet. Dass hier Jugendliche untergebracht werden, ist nicht richtig, zumal eine altersgerechte Betreuung nicht sichergestellt ist.» Jürg Eberle, Leiter des Migrationsamts des Kantons St. Gallen, lässt den Vorwurf nicht so stehen. «Das Zentrum ist für Familien ausgelegt. Es ist keineswegs so, dass die Jugendlichen dort isoliert sind. Wir haben zusätzliches Lehr- und Betreuungspersonal abgestellt, um die Jugendlichen optimal zu betreuen.»

Im Kanton St. Gallen werden laut Eberle alle Familien – Frauen, Männer und Ehepaare mit Kindern – in den Kollektivzentren des Kantons einquartiert. «Die Zivilschutzanlagen im Riethüsli und in St. Gallenkappel sind nur für allein reisende Männer und Frauen als vorübergehende und befristete Notmassnahme vorgesehen.»

Ein separates Zentrum für die jungen Flüchtlinge zu eröffnen, wie das der Kanton Luzern angekündigt hat, ist für Eberle noch nicht spruchreif, «das braucht Zeit». Vorerst sei auch im neuen Zentrum in Vilters, das 2016 eröffnet werde, ein Jugendprogramm vorgesehen. «Oberbüren bleibt aber gesetzt», sagt Eberle. «Wir wollen auf die in den vergangenen 20 Jahren aufgebaute Fachkompetenz nicht verzichten.»

Kanton und Gemeinden uneins

Mit dem Hickhack zwischen Kanton und Gemeinden kann Ursula Surber, Präsidentin des 2010 gegründeten Vereins Solidaritätshaus St. Gallen, nichts anfangen: «Ich weiss nicht, wer eigentlich zuständig ist für die jungen Asylsuchenden. Auf dem Papier ist es der Kanton, doch der wird gerade von den Gemeinden kritisiert, die ab der Volljährigkeit zuständig für die jungen Flüchtlinge sind.» Viel wichtiger aber sei es doch, den 14- bis 18-Jährigen im Sinne der Chancengleichheit eine berufliche Zukunft zu ermöglichen. «Sonst entstehen zum Schluss nur hohe Sozialkosten.»

«Die meisten nicht älter als 15»

Die Jugendprogramm-Leiterin Manuela Rasmussen weiss, dass es für die Jugendlichen ein weiter Weg bis zu einer abgeschlossenen Berufslehre ist – für die meisten ist dieses Ziel unerreichbar. «Die Gesuchsteller werden immer jünger. Bis vor zwei Jahren waren sie 16 oder 17, heute sind die meisten nicht älter als 14 oder 15.» Eine Erklärung dafür hat sie nicht. Die Jugendlichen reisen alle illegal ein. «Die meisten kommen wohl mit Schleppern ins Land, zumindest ein Teil der Flucht ist organisiert», sagt Rasmussen. Nicht selten müssten die jungen Flüchtlinge auf ihrer Reise Station machen, um Geld zu verdienen, bevor sie weiterreisen könnten. Daher seien sie während Wochen unterwegs, «manche gar jahrelang». Vier von fünf Jugendlichen seien bei ihrer Ankunft in der Schweiz traumatisiert und bräuchten Hilfe.

Während der ersten ein bis drei Monate im «Thurhof» gehe es zuerst nur darum, ihren Zustand zu stabilisieren. Bis die Jugendlichen realisierten: «Ich bin sicher und muss nicht weiter flüchten.» Die älteren wechseln nach vier bis sechs Monaten in ein internes Ausbildungsprogramm, unterstützt von ausgebildeten Sozialpädagogen. «Bei Jugendlichen, die rasch Deutsch lernen oder Sozialkompetenz beweisen, versuchen wir berufliche Lösungen zu finden», sagt Rasmussen. Das seien etwa einzelne Kurse an der Gewerblichen Berufsschule St. Gallen.

Die meisten dürfen dauerhaft hier bleiben, ab der Volljährigkeit sind die Gemeinden für die Betreuung zuständig. Inzwischen hat auch der Bund reagiert: Die Jugendlichen müssen nicht länger bis zum 18. Altersjahr warten, bis der Asylentscheid vorliegt. «Nach zwei bis sechs Monaten erhalten einige den F-Ausweis für vorläufig Aufgenommene, andere gleich die Aufenthaltsbewilligung», sagt Rasmussen. Darauf habe der «Thurhof» keinen Einfluss. Mit dem Asylentscheid hätten die Jugendlichen eine Perspektive und die Gewissheit, dass es sich lohnt, wenn sie sich einsetzen.