Die Flucht fassbar gemacht

Experten haben mit Direktbetroffenen über die Flüchtlingskrise diskutiert. Sie berichteten im Historischen und Völkerkundemuseum von ihrer Flucht, der Integration und ihren Zukunftsplänen.

Luca Ghiselli
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Peter Arbenz, Michael Nakhleh, Ursula Surber und Danial Nurzai (von links) diskutieren über die Flüchtlingskrise. (Bild: Ralph Ribi)

Peter Arbenz, Michael Nakhleh, Ursula Surber und Danial Nurzai (von links) diskutieren über die Flüchtlingskrise. (Bild: Ralph Ribi)

Dort, wo Luftangriffe und Strassenkämpfe seit fünf Jahren an der Tagesordnung sind, ist Michael Nakhleh aufgewachsen. Ganz in der Nähe von Damaskus ist der syrische Kinderarzt gross geworden und hat danach in der Hauptstadt Kinderchirurgie studiert. Vor drei Jahren ist Nakhleh mit seiner Familie aus Syrien in die Schweiz geflüchtet. Mit einem Visum, mit dem Flugzeug. Er ist einer von wenigen, die Glück hatten. Und er weiss das.

Drei Sprachen in drei Jahren lernen

Michael Nakhleh ist einer von zwei Geflüchteten, die am Donnerstagabend auf Einladung der Odd Fellows St. Gallen mit Peter Arbenz, ehemaliger Direktor des Bundesamts für Flüchtlinge, und Ursula Surber, der ehemaligen Präsidentin des Solidaritätshaus, über die Flüchtlingskrise diskutiert haben. «Ich habe viel Glück gehabt», sagt er mehr als einmal und meint damit nicht nur seine gelungene Flucht, sondern auch, dass er heute als Assistenzarzt am Kinderspital eine Stelle gefunden hat. Der 48jährige Arzt wohnt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Waldkirch und fühlt sich dort zu Hause. «Die Sprache ist mein grösstes Problem», antwortet Nakhleh auf die Frage von Peter Arbenz, welche Schwierigkeiten er im Alltag habe. «Ich muss drei Sprachen lernen: Deutsch, Schweizerdeutsch und medizinisches Deutsch.» Dies bereite ihm mehr Schwierigkeiten als seinen Kindern im Primarschulalter. «Die haben nach vier Monaten schon Dialekt gesprochen», sagt er und lacht.

Langes Warten auf positiven Entscheid

Weniger Glück hatte Danial Nurzai, der zweite Flüchtling auf dem Podium. Seine Fluchtroute liest sich wie eine Weltreise: Iran, Türkei, dann über Griechenland und Italien nach Frankreich und schliesslich nach Rheineck, wo er heute lebt. Mit 19 ist er von Herat, einer Stadt im Westen von Afghanistan, aufgebrochen. Zwei Jahre hat die Flucht gedauert, nochmals vier Jahre musste der gelernte Schweisser auf einen positiven Asylentscheid warten. Heute ist er 26 und arbeitslos. Einen Job hatte er zwar gefunden, doch dauerte die Erteilung der Arbeitsbewilligung zu lange, der potenzielle Arbeitgeber stellte einen anderen ein. «Dieser Fall zeigt, wie langsam die Bürokratie hierzulande manchmal funktioniert», sagt Peter Arbenz. Deshalb gebe es so lange Wartefristen. Und wer wartet, verliert Zeit.

Auf die Frage, ob er sich in der Schweiz willkommen fühlt, antwortet Nurzai: «Es gibt viele hilfsbereite und nette Menschen, aber auch solche, die es nicht sind.» Deutsch gelernt hat der Afghane «auf der Strasse», wie er selbst sagt. Probleme, wie Michael Nakhleh und Danial Nurzai sie beschreiben, kennt Ursula Surber gut. Bis Ende August war sie Präsidentin des Vereins Solidaritätshaus St. Gallen, das Asylsuchenden verschiedene Tätigkeiten vom gemeinsamen Kochen über Malkurse und andere Freizeitaktivität bietet.

Das Solidaritätshaus als Anlaufstelle

«Angefangen haben wir 2004 mit einem Mittagstisch», erzählt Surber. Bald habe sie aber festgestellt, dass das nicht ausreiche. Vor fünf Jahren konnte der Verein dann das Haus in St. Fiden beziehen, das seitdem eine offene Anlaufstelle für Asylsuchende und andere Migranten ist. Dieses Engagement haben die Odd Fellows als Gastgeber am Anlass gewürdigt, in dem sie Ursula Surber einen Check über 7000 Franken übergaben. Wenn Danial Nurzai und Michael Nakhleh auf ihre Zukunft angesprochen werden, wird klar: Sie wollen bleiben. Mindestens, bis der Krieg in ihrer alten Heimat vorbei ist, vielleicht auch länger. «Wir brauchen alle Hilfe», sagt Nakhleh. Und er sei dankbar, dass er diese in seiner neuen Heimat erhalten habe.