Die Feuerwehr zeigt ihr Bijou

Es hört auf den Funkrufnamen «Abtwil 2» und ist der Stolz der Feuerwehr Gaiserwald: Das neue Tanklöschfahrzeug, das gleich in mehrerlei Hinsicht ein Unikat ist. Nächsten Samstag wird es an der Gewerbeschau offiziell eingeweiht.

Corinne Allenspach
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Jürg Seitter, Kommandant der Feuerwehr Gaiserwald, beim Fototermin vor dem neuen TLF. Immer wieder läutet das Handy. Der starke Regen über Pfingsten forderte die Feuerwehr. (Bild: Benjamin Manser)

Jürg Seitter, Kommandant der Feuerwehr Gaiserwald, beim Fototermin vor dem neuen TLF. Immer wieder läutet das Handy. Der starke Regen über Pfingsten forderte die Feuerwehr. (Bild: Benjamin Manser)

GAISERWALD. Leichtfüssig erklimmt Kommandant Jürg Seitter die steilen Stufen, setzt sich hinters Steuer und lenkt das 16 Tonnen schwere und 300 PS starke Gefährt vorsichtig durch Engelburg. Es ist ein erhabenes Gefühl, hoch oben in der Fahrerkabine des nagelneuen Tanklöschfahrzeugs (TLF) der Feuerwehr Gaiserwald. Seitter steuert das TLF an diesem Morgen zum ersten Mal. Bisher hat er seinen Kollegen den Vorrang gelassen. «Alle möchten natürlich mit dem neuen Prunkstück fahren», sagt er. Und nur, weil er der Kommandant sei, heisse das ja nicht, dass er immer alles als erster machen müsse.

Fast eine halbe Million Franken

Seitter richtet den Blick konzentriert auf die Strasse – und schwärmt von den Vorzügen des neuen TLF. Ein 6-Zylinder-Mercedes mit 2500-Liter-Wassertank, Wasserwerfer, Schiebeleitern für Rettungseinsätze und vielem mehr. Knapp eine halbe Million Franken teuer, ausgerüstet von der Firma Brändle in Sirnach. «Es ist wirklich ein Bijou», sagt der 54-Jährige, der als Berufsschullehrer in Flawil arbeitet und seit 29 Jahren in der Feuerwehr ist. Jahrelang war er Kommandant der Stabskompanie bei der Feuerwehr St. Gallen. Seit 2015 ist Seitter Kommandant der Feuerwehr Gaiserwald. Auch seine Frau habe sich 20 Jahre in der Feuerwehr engagiert. «Ich bin vermutlich einer der wenigen Männer, der sagen kann, er sei mal der Chef seiner Frau gewesen», sagt er und lacht.

Männer können aufrecht stehen

Das neue TLF, das in Engelburg stationiert ist, ist in mehrfacher Hinsicht ein Unikat. Angefangen bei der Mannschaftskabine mit vier Sitzen und Atemschutzgeräten. Anders als in anderen TLF ist die Kabine so hoch, dass die Feuerwehrleute darin aufrecht stehen können. «Es ist das erste Fahrzeug der Firma Brändle, das bei einer Fahrzeughöhe von 3,20 Metern so ausgerüstet ist. Darum müssen wir es auch regelmässig anderen Feuerwehren zeigen», sagt Seitter. Speziell sei auch, dass es zwischen Fahrer- und Mannschaftskabine keine Glasscheibe gibt. So kann der Einsatzleiter direkt mit den Feuerwehrleuten kommunizieren. Auf Wunsch wurde im TLF zudem eine «Hygienewand» eingebaut: Mit Wasserhahn, Gummihandschuhen und Papiertüchern. Zurück im Depot, muss Seitter zirkeln, um das 7,5 Meter lange TLF zu parkieren. Vor allem in der Höhe passt es nur haarscharf rein.

Mit Urin Abgase reinigen

Ihr bisheriges, rund 25 Jahre altes TLF hat die Feuerwehr Gaiserwald kürzlich für einen «symbolischen Betrag» nach Bosnien verkauft (Tagblatt vom 26. März). Funktionierte früher alles mechanisch, überwiegt heute die Elektronik. Um dies zu demonstrieren, drückt Seitter einen Knopf, und in Sekundenschnelle erhebt sich auf dem Dach ein sechs Meter hoher Lichtmast mit vier 60-Watt-LED-Scheinwerfern, die die Umgebung erhellen, als handle es sich um ein Fussballstadion. Das alte TLF mit seinen Halogenlampen verbrauchte dazu viel Strom. Auch von den Abgaswerten her sei das neue TLF das modernste, was es gebe, sagt Seitter. «Die Abgasreinigung funktioniert mit Harnsäure.»

Übersinnlicher Beistand

Seitter hat an diesem Morgen kaum eine freie Minute. Immer wieder klingelt sein Handy, kommt ein Funkspruch. Der starke Regen hat in Abtwil den ersten Bach über die Ufer treten lassen. Die Feuerwehr ist bereits mit einigen Mann vor Ort. Auch das neue TLF war bereits mehrfach im Einsatz in den vergangenen Wochen. Dass das Fahrzeug am Samstag mit priesterlichem Segen eingeweiht wird, habe mit dem Wert des menschlichen Lebens zu tun, sagt Seitter. «In einem Business mit einem gewissen Risiko kann übersinnlicher Beistand nie schaden.»