«Die Feuerwehr ist kein Ersatz»

Die Gemeinde Muolen entzieht der Unfallsamaritergruppe den Auftrag als Ersthelfer vor Ort. Die Samariter wollen die offizielle Begründung nicht hinnehmen. Sie vermuten persönliche Differenzen hinter dem Entscheid.

Noemi Heule
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Mehrmals pro Jahr üben die Muoler Samariter den Ernstfall. Künftig soll jedoch die Feuerwehr den Erste-Hilfe-Einsatz leisten. (Bild: pd)

Mehrmals pro Jahr üben die Muoler Samariter den Ernstfall. Künftig soll jedoch die Feuerwehr den Erste-Hilfe-Einsatz leisten. (Bild: pd)

MUOLEN. Wurde in der Vergangenheit die Notrufnummer 144 gewählt, waren die Samariter aus Muolen jeweils die ersten, die am Unfallort eintrafen. Künftig soll die Feuerwehr diese Erste-Hilfe-Einsätze übernehmen. Dies hat die Gemeinde entschieden. Sie spricht von einer «Neuausrichtung», der Samariterverein dagegen von einem «Schlag in die Magengrube».

Der Verein reagiert mit «Unverständnis und Bedauern» auf den Entscheid der Gemeinde, wie er in einem Inserat im Gemeindeblatt schreibt. «Wir wurden von der Gemeinde abgesägt», sagt Barbara Liechti, Präsidentin des Samaritervereins Muolen. Sie verweist auf den Rückhalt aus der Bevölkerung, den der Verein geniesse und fragt: «Kann uns die Gemeinde einen Auftrag entziehen, den sie uns nie gegeben hat?»

Tatsächlich übernahmen die Samariter selbständig die Funktion als Ersthelfer vor Ort. Da Muolen rund 15 Kilometer vom nächsten Arzt entfernt ist, war früher eine Ordensschwester in Notfällen eingesprungen. Als das Kloster seine Tätigkeit im Dorf einstellte, übernahmen Samariter den Einsatz und gründeten schliesslich die Unfallsamaritergruppe. Diese arbeitete seit Jahren mit der Feuerwehr zusammen. In deren Depot war das Erste-Hilfe-Material gelagert; Fahrer der Feuerwehr brachten es im Ernstfall zum Unfallort.

Neuorganisation als Auslöser

Bernhard Keller, Gemeindepräsident von Muolen, betont, dass es ihm nicht leicht gefallen sei, diese Zusammenarbeit nun zu beenden. Er begründet den Entscheid mit der Neuorganisation der Rettung St. Gallen. Sie änderte ihr Vorgehen bei Notfallsituationen (siehe Kasten). Bei einem Notruf wurden früher automatisch die örtlichen Einheiten – beispielsweise die Unfallsamaritergruppe Muolen – aufgeboten. Neu ist dies nur noch in lebensbedrohlichen Situationen der Fall. Dadurch reduziere sich die Anzahl Einsätze von bis zu 16 auf ein bis zwei im Jahr, sagt Keller. «Dafür eine zusätzliche Organisation aufrechtzuerhalten, lohnt sich nicht», sagt er. Die Gemeinde nahm deshalb die neue Ausgangslage zum Anlass, die Erste-Hilfe-Einsätze bei der Feuerwehr zu bündeln.

Persönliche Differenzen

Für den Samariterverein kam der Schlussstrich unerwartet. Erst vor kurzem schaffte er sich ein neues Einsatzauto an, um für die Notfalleinsätze gerüstet zu sein. Auch führten die Samariter Gespräche mit dem Gemeinderat über die Zukunft der Einheit. «Die Gemeinde zeigte sich stets wohlwollend», sagt Liechti. Umso grösser sei nun die Enttäuschung bei den Vereinsmitgliedern. «Die Feuerwehr verfügt nicht über die medizinische Fachkompetenz, um uns angemessen zu ersetzen», fügt Liechti an. Die Samariter könnten auf langjährige Erfahrung, Einsatzroutine und regelmässige Schulungen zurückgreifen. Dies könne man von Feuerwehrkommandanten nicht erwarten.

Liechti vermutet persönliche Gründe hinter dem Entscheid: «Die Zusammenarbeit zwischen Feuerwehr und Samariterverein wurde getrübt durch persönliche Differenzen», sagt sie. Der Gemeindepräsident räumt ein: «Die Konflikte haben den Entscheid sicherlich vereinfacht.» Diese seien aber keinesfalls der Auslöser für den Entschluss gewesen. Der Gemeinderat habe sich nicht gegen bestimmte Personen, sondern für eine funktionierende Organisation entschieden. Er lässt aber durchblicken: «Mit der neuen Ausgangslage wurde es Zeit, alte Zöpfe abzuschneiden.»

Verein fürchtet um Zukunft

Dass persönliche Unstimmigkeiten nun über die Zukunft der Gruppe entscheidet, wollen die Mitglieder des Samaritervereins nicht akzeptieren. «Wir werden nun rechtliche Möglichkeiten prüfen, um gegen die Gemeinde vorzugehen», sagt Liechti.

Der Gemeindepräsident hofft indes, dass sich die Mitglieder der Unfallsamaritergruppe künftig in der Feuerwehr engagieren. «Damit ginge das Know-how nicht verloren.» Er betont: «Wir wollen keine Türen zuschlagen.» Die Mehrheit der Samariter lehnt dieses Angebot ab. Dafür sei zu viel Geschirr zerbrochen.