Die Empörung der Musiklehrer

ST.GALLEN. Auch in der Bildung muss gespart werden. Jedoch nicht im musischen Bereich, wehren sich Lehrkräfte der Fächer Musik und Gestalten. Ihre Petition gegen den Abbau von Lektionen an den Gymnasien zählt schon gegen 2000 Unterschriften.

Marcel Elsener
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Musikförderung in der Schule ist unter Spardruck geraten. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Musikförderung in der Schule ist unter Spardruck geraten. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Absurd, unverständlich, dämlich, unakzeptabel: So tönt es in den Kommentaren einer Internet-Petition. Unter den – Stand gestern abend – 1961 unterzeichnenden Namen von Lehrerinnen und Lehrern, Musikern und Künstlerinnen sowie vielen anderen Berufsleuten wie Ärzten, Ingenieuren, Architekten finden sich auch bekannte. «St. Gallen will keine Kunstschule, St. Gallen will keine Musikakademie, St. Gallen will keine Jazzschule und jetzt soll auch noch an den Mittelschulen gespart werden auf Kosten der Musik?» empört sich etwa der in St. Gallen und New York lebende Jazzpianist Claude Diallo. «Shame on you», wer so entscheide.

Rudolf Lutz, Organist, Chorleiter und Dirigent «weiss aus eigener Erfahrung, wie stark musikalische Arbeit die Sozialkompetenz verbessert». Dies sei «wissenschaftlich erhärtet», schreibt der Bach-Spezialist und verweist auf den Film «Rhythm is it». Auch andere Unterzeichnende wie die Kunsthistorikerin Corinne Schatz verweisen auf lebenswichtige Kompetenzen, die auf dem Spiel ständen, nämlich «Kreativität, das Entwickeln und Gestalten von Ideen und Konzepten».

Kulturelle Bildung opfern?

Es geht, nicht überraschend, einmal mehr um eine Sparmassnahme des Kantons St. Gallen, vom Kantonsrat im Sparpaket II verabschiedet an der Junisession. Die Massnahme «K21» im Bildungsdepartement betrifft die «Reduktion der Zahl der Pflichtlektionen an Mittelschulen» und bringt eine Einsparung von jährlich 900 000 Franken. Die abstrakte Vorgabe hat nach einer Klausurtagung der kantonalen Rektorenkonferenz konkrete Gestalt angenommen: Es sollen je eine Lektion Englisch, Deutsch und eben im musischen Bereich (Bildnerisches Gestalten/ Musik) abgebaut werden. Und die Gymnasiasten sollen nicht mehr nach einem Jahr mit beiden Fächern entscheiden, ob sie Gestalten oder Musik belegen möchten, sondern bereits vor dem Mittelschuleintritt. Mit diesem Sparvorschlag werde «ausgerechnet jener Bereich gekürzt, der schon bisher am geringsten dotiert» sei, wehrt sich der musische Fachbereich unter dem Petitionstitel «Gegen die Einsparung im musischen Bereich an den St. Galler Gymnasien» – online unter der Sparprotest-Homepage www.sparschweinerei.ch. «Es kann nicht sein, dass an den bis jetzt noch humanistisch ausgerichteten Gymnasien eines der beiden Kunstfächer der Sparwut zum Opfer fällt», schreiben die unterzeichnenden Verbände MLKS (Verein Musiklehrkräfte an kantonalen Schulen), DLG-SG (Organisation Gestalter Kanton St. Gallen), vpod und KMV. Und sie argumentieren mit dem Ja der Schweizer Bevölkerung zur verstärkten Musikförderung, der Bedeutung der beiden «Grundlagenfächer» namentlich für angehende Lehrberuf-Studierende und mit einem grundsätzlichen Gedanken: «Die Kunstfächer sind prägend für die Schulkultur und die kulturelle Bildung. Soll eines der beiden dem reinen Wirtschaftsdenken geopfert werden?»

«Weniger als 6 Prozent»

Die beiden Fächer machten heute weniger als 6 Prozent der Mittelschullektionen aus, gibt Charles Uzor zu bedenken. «Nach der Annahme des Musikartikels in der Verfassung ist ein weiterer Abbau ein Hohn. Da wird letztlich der Bildungsauftrag untergraben.» Der St. Galler Musiklehrer (Kanti Burggraben), Oboist und Komponist spricht als Leiter der kantonalen Fachgruppe Musik im Namen seiner Kollegen aus dem musischen Bereich. Die derzeitige Lösung mit je zwei Wochenlektionen Musik und Gestalten im ersten Jahr und hernach vier Lektionen im ausgewählten Fach müsse beibehalten werden, um den Anforderungen einer auftragsgemäss angestrebten Menschen- und Lebensbildung zu genügen.

«Wer leichtfertig sagt, Kantischüler bräuchten nicht beides, kann auch Chemie, Französisch oder sonst was meinen», mahnt Uzor an. «Es ist eine politische Frage, was in einigen Jahren für die Schüler der hingenommene Normalfall ist. Als ich als Kind aus Afrika kam, war ich fasziniert von der europäischen Kultur: Malerei, Literatur, Musik, Bach, Miles Davis, Pink Floyd, Vermeer – wissen die Gremien, was sie so vor den Schülern wegschmeissen? Einmal in der Woche singen, ist das nicht notwendig?».

Entschieden wird im Januar

Was die Rektorenkonferenz als vertretbar skizzierte, hat der Erziehungsrat Ende November vorberaten und für den Bereich Musik/Gestalten wie folgt bewertet: «Die Kürzung ist angesichts der Bedeutung der Kunstvermittlung bedauerlich, letzten Endes jedoch vertretbar. Auch hier gilt es, die Opfersymmetrie im Auge zu behalten.» Bis 19. Dezember läuft die Vernehmlassung; die Musik- und Kunstlehrer dürften sich demnach «noch Hoffnung machen», sagt Adrian Bachmann vom Amt für Mittelschulen. Ob ihre Argumente und allfällige Alternativ-Modelle Anklang finden, wird sich am 16. Januar 2013 zeigen: Dann entscheidet der für Stundentafel und Lehrpläne zuständige Erziehungsrat, die Genehmigung obliegt schliesslich der Regierung.

Gewehrt haben sich im übrigen auch die Vertreter von Deutsch und Englisch, wenn auch bislang nicht in der Öffentlichkeit. «Jedes Fach hat gute Gründe», sagt Bachmann. «Aber sparen bei den Lektionen müssen wir so oder so.»

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