Die empörten Bratwurst-Bürger

ST.GALLEN. Gegen die Meienberg-Gedenkausstellung in St.Gallen regt sich kein Widerstand, im Gegensatz zur Kulturpreisverleihung 1990: Damals protestierten Bürgerliche mit Postkarten und Störmanövern und blieben der Festfeier demonstrativ fern.

Marcel Elsener
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Die Protest-Karikatur von Alibert (Alexander Blanke): Meienberg uriniert auf den St. Galler Stadtrat.

Die Protest-Karikatur von Alibert (Alexander Blanke): Meienberg uriniert auf den St. Galler Stadtrat.

«Hönd er en Chopfschuss dei obe?» – «Pfui! Skandal! (jedoch typisch)» – «Nestbeschmutzer wird prämiert» – «Linke an den Galgen». Mit solcherart Kommentaren wurde im November 1990 der St.Galler Stadtrat eingedeckt, handschriftlich notiert auf eine vorgedruckte Postkarte. Die zeigte, als Karikatur, einen bärtigen Strubbelkopf, der auf die Stadtregierung brünzelt – Niklaus Meienberg, auf dem Signer-Fass-podest, darunter die fünf Köpfe von Stadtpräsident Christen (SP) und der Stadträte Schorer (FDP), Schwizer (CVP), Ziltener (CSP) und der Stadträtin Kaspar (FDP).

Urheber der Postkarte war eine zunächst anonyme Gruppe bürgerlicher St.Galler mit dem viel- sagenden Namen KAK (Kulturelles Aktions-Komitee). Die Karte war in alle Haushalte verteilt worden: 50 Rappen – oder 35 Rp. als Drucksache – genügten, um sich beim Stadtrat zu beschweren.

«Bleiben bohnenstrohdumm»

«Jawohl», man habe sich über die Prämierung geärgert, besagte der Protesttext auf der Karte, weil Meienberg «die St.Galler in globo als doppelmoralige, heuchlerische und kleinkarierte Spiessbürger abqualifiziert» habe. «Dürfen wir die Verleihung (. . .) dahingehend verstehen, dass der Stadtrat die Meinung über uns St.Galler teilt?» Schliesslich das Bekenntnis: «Wir bleiben bohnenstrohdumme Brodworscht-St.Galler und sind sogar zufrieden dabei.»

Als «bohnenstrohdumm» hatte Meienberg die St.Galler zuvor in einem Interview beschimpft, weil sie beim Stadtautobahnbau sein Jugendquartier St. Fiden verunstaltet hatten. Dem vielgehörten Vorwurf des «Nestbeschmutzers» hielt Meienberg sein eigenes Prädikat des «Nestentschmutzers» entgegen. Erst nach der Ehrung (25. November) traten die KAK-Aktionisten aus der Anonymität: Sven Bradke, Canisius Braun, Hans Hirschi, Peter Gehler, Christoph Meier, Thomas Scheitlin, Peter Weber, Urs Wehrle und Kurt Weigelt sprachen von einem «leider gelungenen Experiment», mit dem sie hätten zeigen wollen, wie «die Demokratie immer mehr zur Mediokratie» und «wie Politik und Stimmung gemacht» werde.

Zwar berichtete sogar die Westschweizer Tagesschau darüber, aber Applaus gab's wenig, nicht einmal in den beiden bürgerlichen St.Galler Tageszeitungen. Bewiesen hätten die Initianten «höchstens, das sie mit ihrer eigenen Stimmungsmache etwas Mühe haben», schrieb Beda Hanimann in der «Ostschweiz» und verwies auf die «gegen tausend Besucher» am Festakt im Stadttheater und «wohl Tausende in der Region» live am Radio. Demgegenüber stehe das «höchst bescheidene Ergebnis der Aktion», wie Stadtschreiber Otto Bergmann zitiert wurde. «Einige hundert» KAK-Karten waren eingegangen, darunter «ein schönes Beiglein ohne Frankatur», das «den Rückweg via PTT zum KAK antrete». Peter Surber empfahl im Tagblatt den Verärgerten, «statt Lektionen zu erteilen, die Diskussion zu suchen» und – wie der Stadtrat – «die Bereitschaft zu beweisen, Konflikte auszuhalten». Meienberg bedeute eine «fruchtbare Zumutung: Ohne ihn, ohne <Ernst S.> (. . .) oder seine Jugenderinnerungen, wäre St.Gallen um einige Selbsterkenntnis ärmer».

Kein einziger Regierungsrat

Am Festakt blieb die angedrohte «Lektion Kultur» seitens empörter Bürger aus; lediglich ein Zahnarzt benannte den «Skandal», dass einer preisgekrönt werde, der «unsere Kirche und Bundesrat Furgler dermassen verunglimpft» habe. Dafür war die Liste der Abwesenden bezeichnend, allen voran die St.Galler Regierung, die sich «in Kulturboykott übte», schrieb Barbara Hasler im «Tages-Anzeiger»: «Gleich alle sieben Magistraten waren zu beschäftigt (...) <Kulturminister> Alex Oberholzer (CVP) beispielsweise zog einen volksverbunderen Anlass vor: den Frauenfelder Waffenlauf.» Während von fern Persönlichkeiten wie der Historiker Edgar Bonjour gratulieren, schlugen vor Ort viele die Einladung aus, so Kulturchef Walter Lendi, der sich mit dem Preis «nicht identifizieren» konnte, angesichts des «Anti-St.Gallen-Syndroms des zu Ehrenden».

Heute spricht Klöti

Und freilich blieb der damalige FDP-Gemeinderat Thomas Scheitlin dem Festakt fern. Mittlerweile zeigt sich der Stadtpräsident etwas versöhnlicher: «Was ich, bei allen noch bestehenden Differenzen, heute anerkenne, ist seine Fähigkeit zum Schreiben. Da hebt er sich gegenüber anderen kritischen Geistern ab.» Dass er eine Diskussionseinladung an der «Gedenkausstellung» ausgeschlagen habe, habe «nichts mit seiner Haltung zu tun», sondern entspreche dem Grundsatz, sich in der «Funktion als Stadtpräsident nicht öffentlich über Personen aus dem Stadtleben äussern».

Staatssekretär Canisius Braun, 1990 ebenfalls im KAK, steht zur «damals legitimen» und «mit jugendlichem Mut gelungenen» Aktion, obwohl er sich später beim Freitod des Schriftstellers «ein Gewissen gemacht» habe. Heute habe er ein «entspanntes» Verhältnis zu Meienberg: «Ich werde auch die Ausstellung besuchen.»

2013 bleiben die Proteste aus, nicht eine Unmutsbekundung ist beim Kanton eingetroffen. An der Vernissage spricht FDP-Regierungsrat Martin Klöti, «mit einem schönen persönlichen Bezug» zu Meienberg, der ihn «sehr berührt» habe. Die Veranstaltungsreihe dürfte auch andere Bürgerliche reizen. So vielleicht Wegelin-Banker Konrad Hummler, der sich 2010 über die kritische Auseinandersetzung mit ihm im «Saiten» dermassen ärgerte, dass er polterte: «Meienberg ist tot; er hat im Dorf nur Würstchen hinterlassen.»