Die Ehe war seit jeher der Grundstock der Familie

Ich betrachte mich aus zwei Gründen als privilegiert, über die Begriffe von Ehe und Familie zu sprechen. Der erste ist der seltene Umstand, dass meine Frau und ich in wenigen Wochen unser 64. Ehejahr vollenden werden. Der zweite ist, dass entgegen der damaligen düsteren Prognose der katholischen Kirche unsere Ehe sich in dieser Zeit als eine einmalig wunderbare Lebenserfahrung erwiesen hat. Denn 1953 war der Umstand, dass ich als getreuer Katholik meine protestantische Frau in einer protestantischen Kirche ehelichte, der alleinige Grund für meinen lebenslangen Ausschluss aus der katholischen Kirche. Im Rückblick beurteile ich das als ebenso unmenschlich und unstatthaft wie heute noch das Zölibat – sprich unnatürliches Ehe- und Familienverbot für Priester –, was doch nichts anderes als ein grausamer Zwang ist, dem schon Hunderttausende unschuldige Kinder wie auch Männer als Priester zum Opfer gefallen sind. Uns beide müssten hingegen Bischöfe und Papst um die in 64 Jahren erreichten höheren Lebensziele beneiden, die wir überkonfessionell und überreligiös auf rein menschlicher, familiärer Ebene geschafft haben. Den Anhängern der Ehe für alle möchte ich sicher das menschliche Recht zu einer gesellschaftlich neuartigen Vereinigung zugestehen. Aber man sollte eine passendere Bezeichnung finden, denn mit Ehe in unserem Sinne haben ihre Verhältnisse nichts zu tun.

Ruedi T. Sonderegger
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Ruedi T. Sonderegger

Goldermühlestrasse 9, 9403 Goldach