Die Bank, die keine Boni abwirft

Die angestossene Bänkli-Diskussion hat auch Gerhard Abderhalden auf den Plan gerufen: Er kennt eine klassische St. Galler Parkbank aus dem Effeff. Er hat sie als Angestellter eines Gartenarchitektur-Büros mehrmals gezeichnet.

Fredi Kurth
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Gerhard Abderhalden auf einer Bank auf Drei Weieren, deren ursprüngliches Modell aus dem Jahre 1938 stammt. (Bild: Michel Canonica)

Gerhard Abderhalden auf einer Bank auf Drei Weieren, deren ursprüngliches Modell aus dem Jahre 1938 stammt. (Bild: Michel Canonica)

«In den 50er- und 60er-Jahren war das in der Stadt die Bank», sagt Gerhard Abderhalden, und er meint nicht den Bankverein, heute UBS, oder die Creditanstalt, heute Bank CA St. Gallen. Er meint die klassische Ausführung der St. Galler Parkbank, die im grünen Stadtring noch relativ häufig anzutreffen ist (Ausgabe vom 20. März). Es bestehen kaum Zweifel: Wenn jemand zu einer derart kategorischen Aussage berechtigt ist, dann Gerhard Abderhalden.

Denn er hat die Blütezeit dieser Ruhebank aus nächster Nähe erlebt, als Praktikant im Gartenarchitektur-Büro Fritz Dierolf in St. Gallen.

Mit Bleistift und Gummi

Nach Abderhaldens Aussage entwarf sie Dierolf für die St. Galler Gartenbauausstellung 1938. In das Büro an der St. Jakob-Strasse trat Abderhalden 13 Jahre später ein. Der von Dierolf angefertigte Originalplan der Sitzbank war damals schon ziemlich «zerfetzelt», wie sich Abderhalden erinnert. Für den Praktikanten der Anlass, ihn neu zu zeichnen.

Das tat er noch mit Bleistift statt einer Computertastatur und einem Gummi statt eines Delete-Knopfes. Die Kopie liegt auf dem Pult in seiner Wohnung an der Wildeggstrasse. «Zufällig habe ich sie aufbewahrt», sagt Abderhalden. Auf bräunlichem Papier, auch schon etwas flau geworden, ist die Bank dargestellt, in verschiedenen Grössen, mal von vorne, mal von hinten, mal von der Seite.

Eine Bank, vier Handwerker

Sie besteht aus je zwei Holzbrettern für Sitz und Rückenlehne, aus zwei Metallbügeln und zwei Betonsockeln. «Die Bequemlichkeit liegt darin, dass Sitz und Lehne einen Winkel von rund 100 Grad bilden und leicht geneigt sind», sagt Abderhalden.

Während andere Firmen Sitzbänke bereits serienmässig herstellten, gab es die klassische St. Galler Bank nur in Einzelanfertigung.

Vier Handwerker waren jeweils beschäftigt: Der Schlosser fertigte die Bügel an, der Zimmermann lieferte das Holz, der Gärtner stellte die Betonsockel zur Verfügung und der Maler gab den farbenfrohen Anstrich.

Das St. Galler Modell wurde überall in die Stadt ausgeliefert, auch in Friedhöfe, und war nicht zuletzt unter den Ulmen des Bahnhofpärklis anzutreffen und natürlich in den Naherholungsgebieten der Stadt. Das Büro Dierolf erhielt auch Aufträge aus vielen andern Orten der Schweiz.

Vergangenes Jahr entdeckte Gerhard Abderhalden ein St. Galler Modell sogar in der Nähe von Erlangen in Süddeutschland. War es wirklich der Klassiker aus der Gallusstadt? Oder eine zum Verwechseln ähnliche Variante? «Nein, es entsprach haargenau unserer Vorlage», sagt Abderhalden.

Während Bankkader heutzutage schöne Boni erhalten, hatte Fritz Dierolf für seine Bank nicht einmal Urheberrecht beansprucht. Abderhalden weigert sich denn auch, von einem «guten Geschäftsgang» der Sitzbank zu reden.

«Wir boten sie einfach im Rahmen der Aufträge für Gartengestaltung an.» Womit er auch dem Eindruck widerspricht, «Bankexperte» gewesen zu sein.

Der Typ 1989

Die klassische Bankvariante nach Dierolfs Art wurde später weiterentwickelt. So erinnert sich Christoph Bücheler, Leiter des Gartenbauamtes in St. Gallen, an einen Typ 1989, der ebenfalls im Bahnhofpärkli ausgesetzt wurde.

«Damals wurde sogar ein Probesitzen veranstaltet, um die Bequemlichkeit zu testen», sagt Christoph Bücheler.

Das geschah allerdings gegen Ende von Abderhaldens Schaffenszeit. Er arbeitete als Angestellter bis 1977 für Dierolf, als dieser altershalber sein Gartenarchitektur-Büro schloss. Abderhalden machte als selbständiger Gartenarchitekt weiter und projektierte verschiedene Friedhofanlagen in der Region. 1995, im Alter von 70 Jahren, schloss er sein eigenes Büro.

«Es war die Zeit, als sich Architekten immer mehr des Computers bedienten», sagt Abderhalden, «das wollte ich nicht mehr mitmachen.»

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