Die «Bahnhofsfamilie»

Sie hängen beim VBSG-Häuschen herum, hören laute Musik und fallen auf. Ausser der Polizei spricht sie kaum jemand an. Doch beim Feierabendbier sind sie ganz gesprächig.

Maurine Reifler
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«Manchmal sind dreissig hier, manchmal sind wir wenige»: Die Jungs vom Bahnhof St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

«Manchmal sind dreissig hier, manchmal sind wir wenige»: Die Jungs vom Bahnhof St. Gallen. (Bild: Urs Jaudas)

Sie sitzen fast jeden Abend beim VBSG-Häuschen beim Busbahnhof am Boden, hören Musik und schwatzen miteinander. Passanten werfen den Jugendlichen mit den verschiedensten Kleiderstilen, farbigen oder abrasierten Haaren und Piercings im Gesicht flüchtige Blicke zu. Eine Gruppe Arbeitsloser, welche die Zeit totschlägt, scheinen sie zu denken.

Bla, der DJ

«Wir sind die Bahnhofsfamilie», sagt Flo mit einem Lachen im Gesicht. «Einer von uns ist hier immer anzutreffen.» So verschieden wie ihr Outfit und ihr Auftritt ist, so verschieden sind sie auch. Der eine ist Spengler, jene arbeitet im Büro, andere arbeiten gar nicht. Sie kommen aus der Stadt, aber auch aus umliegenden Gemeinden wie Wittenbach. Oder haben keinen festen Wohnsitz: «Ich wohne zurzeit mit zwei Kollegen in einer Hütte im Wald», erzählt Bla. Wie er richtig heisst, will er nicht sagen, «das tue nichts zur Sache». Auch vom Alter her sind sie ganz verschieden. Der Jüngste hier sei gerade mal zwölf Jahre alt, sagt Flo. Der Bahnhof sei ein guter Treffpunkt für alle.

Zusammen trinken sie ein Feierabendbier, rauchen eine Zigarette und hören Musik. «Bla ist unser DJ», sagen sie lachend. «Sobald er hier ist, hören wir seine Musik.»

Polizei: «Einsichtige» Gruppe

Vor etwa einem Jahr ist die «Bahnhofsfamilie» gezügelt: Vorher trafen sie sich oft bei den Bänken am Busbahnhof. «Dies sah die Polizei jedoch nicht gerne, und wir wurden von dort weggewiesen.» Darum hätten sie den Treffpunkt zwischen VBSG-Häuschen und Kornhausstrasse verlegt. «Auch hier kommt die Polizei oft und kontrolliert unsere Ausweise», sagt Joshua. «Doch die Polizisten kennen uns langsam.» Solange sie den Abfall wieder mitnähmen, dürften sie sich auch weiter da treffen.

Dies sieht auch der Sprecher der Stadtpolizei, Benjamin Lütolf, so: «Wir suchen jeweils das Gespräch mit den Jugendlichen, und sie wissen, dass sie den Platz nicht einfach beschlagnahmen können.» Doch sie seien «einsichtig» und würden auch mal zügeln.

Jeder trägt seinen Rucksack

«Wir haben uns hier kennengelernt und sind zu richtig guten Freunden geworden», sagt Flo. Jeder helfe jedem, man teile untereinander oder spendiere auch mal etwas zu trinken.

«Hier haben alle ihr Rucksäckchen zu tragen», erzählt der 16jährige Joshua. «Einige hatten eine schwere Kindheit, andere hatten mit Drogen oder Arbeitslosigkeit zu kämpfen.» Daher verstehe man einander und unterstütze sich gegenseitig. Doch Drogen seien heute kein Thema mehr. «Logisch trinken wir Alkohol und rauchen, doch illegale Drogen sind keine im Spiel», sagt Flo.

Einige von ihnen seien schon seit rund fünf Jahren ein Teil dieser Gruppe, andere erst seit einigen Monaten. «Hier ist jeder willkommen, der uns mit Anstand und Respekt behandelt», sagen die Jugendlichen. Daher sei die Anzahl Leute auch sehr unterschiedlich. «Manchmal sind nur fünf von uns hier, ein anderes Mal sind wir 30», sagt Joshua.

Friedlich, trotz Rivalitäten

Abgesehen von skeptischen Blicken nehmen Passanten kaum Notiz von der «Bahnhofsfamilie». Hingegen gibt es schon mal Rivalität mit anderen Gruppen. «Wenn uns andere blöd anmachen, geben wir halt blöd zurück.» Und daraus können auch mal Handgreiflichkeiten entstehen. «Aber das ist selten, wir sind eigentlich friedlich», sagt Flo.