Die amtliche Vermessung der Liebe

Ein serbischer Staatsbürger verbrachte seine frühe Kindheit bei den Eltern in der Schweiz. Als Erstklässler wurde er für Ferien zu den Grosseltern nach Serbien geschickt und nicht mehr abgeholt.

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Rolf Vetterli alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Rolf Vetterli alt Kantonsrichter St. Gallen (Bild: Hanspeter Schiess)

Ein serbischer Staatsbürger verbrachte seine frühe Kindheit bei den Eltern in der Schweiz. Als Erstklässler wurde er für Ferien zu den Grosseltern nach Serbien geschickt und nicht mehr abgeholt. So verlor er sein Aufenthaltsrecht und durfte die Familie nur noch gelegentlich mit einem Touristenvisum besuchen. Im Alter von 19 Jahren heiratete er eine 31jährige geschiedene Serbin. Sie wohnte seit langem in der Schweiz und konnte ihn auf dem Wege des Familiennachzugs in das Land zurückbringen, das einmal seine Heimat gewesen war.

Ein Zufallsfund

Drei Jahre später wurde die Ehefrau verhaftet, weil man mutmasste, sie habe für ihren derzeitigen Liebhaber Drogen versteckt. Der Verdacht liess sich nicht erhärten. Aber die Staatsanwaltschaft entdeckte stattdessen, dass die Frau noch verheiratet war, und eröffnete gegen die Eheleute gewissermassen ersatzweise ein Strafverfahren wegen Täuschung der Behörden. Es sei offenkundig, dass die Ehe zum Schein geschlossen wurde, um dem Ehemann zu einem Aufenthalt in der Schweiz zu verhelfen. Einen anderen Grund, weshalb eine reife Frau jemanden geheiratet habe, der noch ein halbes Kind gewesen sei, könne man sich nicht vorstellen.

Eine Indizienkette

In der Untersuchung wurden weitere Indizien gesammelt: Die Heirat in Belgrad sei keine Hochzeitsfeier gewesen, sondern ein reiner «Geschäftsanlass». Der Ehemann habe zwar eine Zeitlang in der Wohnung der Frau gehaust. Er habe aber stets auf dem Sofa genächtigt, während sie mit der kleinen Tochter aus früherer Ehe im Doppelbett schlief. Das Kind wisse bis heute nicht, dass es einen Stiefvater habe. Nicht zu belegen war hingegen, dass bei der Heirat Geld floss, obwohl für eine Scheinehe sonst meist eine fünfstellige Summe bezahlt wird. Das störte den Staatsanwalt nicht weiter. Er erhob beim Kreisgericht St. Gallen Anklage gegen beide Ehegatten mit dem Antrag, sie zu einer bedingten Geldstrafe von 240 Tagessätzen, verbunden mit einer sofort zahlbaren Busse, zu verurteilen.

Keine aktive Täuschung

Der zuständige Einzelrichter stellt schon beim Studium der Akten fest, dass man dem Ehemann den Vorwurf, die Behörde mit falschen Angaben getäuscht zu haben, kaum machen könne. Dieser wartete nämlich in Serbien geduldig ab, bis die Ehefrau den Papierkram erledigt und ihm eine Aufenthaltsbewilligung verschafft hatte. So befasst sich der Richter in der Gerichtsverhandlung vor allem mit der Ehefrau und plaziert sie auf dem Stuhl in der Mitte zwischen dem freiwillig erschienenen Staatsanwalt und dem amtlichen Verteidiger.

Der Ehemann sitzt derweil auf der Zuschauerbank und blickt irgendwie sehnsüchtig von hinten auf die adrette Person mit den langen schwarzen Haaren. Er bezeichnet sie in fehlerfreiem Dialekt als «einzigi Frau i mim Läbe» und beteuert, er wolle sich nicht von ihr scheiden lassen.

Eine Frage der Gefühle

Der Richter stellt der Ehefrau die unvermeidliche Frage, ob sie den Mann liebe oder wenigstens früher einmal ein bisschen geliebt habe. Das könne sie heute nicht mehr sagen, gibt sie unwirsch zur Antwort. In der Strafuntersuchung stellte sie die Ehe auch schon als blossen «Spass» oder schlichte «Dummheit» hin. Bei der weiteren Befragung zeigt sich freilich, dass sie mehrmals mit dem Ehemann zusammenlebte und ausgerechnet am letzten Sonntag wieder einmal ausgezogen war, wobei ihr der Mann sogar noch beim Zügeln geholfen hatte.

Ein Zweifelsfall

Insgesamt entsteht ein verwirrender Eindruck und nicht das klare Bild, das der Richter brauchen würde. Im Sinne der Unschuldsvermutung darf er eine angeklagte Person nur verurteilen, wenn er überzeugt ist, dass sich die Sache so zugetragen haben muss, wie von der Staatsanwaltschaft dargestellt. Ihm kommen aber erhebliche Zweifel: Es könne auch «jenseits der reinen Liebe» einfühlbare Motive für die Heirat gegeben haben – bei der Frau nach Aggressionen des früheren Ehepartners etwa das Bedürfnis, Schutz zu finden, und beim Mann nach langer Isolation der Wunsch, Gesellschaft zu bekommen.

Die Ehegatten werden freigesprochen. Nun hätte man sie gerne noch gefragt, wie es mit ihnen weitergehen soll – aber das wissen sie wohl selber nicht so genau.